Die Mittlere - meine Crux

Buchstabensalat

Lebenskünstlerin
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Es fällt mir schwer mit ihr. Mit dem Kopf begreife ich ja, daß sie Grenzen sucht und braucht. Ständig. In jeder Situation. Nicht nur in extremo.
Und doch hoffe ich immer wieder, ich käme mit Freundlichkeit und Verständnis "durch". Und mache ihr und mir den Weg immer wieder schwerer.
Das resultiert dann darin, daß ich in Extremsituationen zu extremem Handeln greifen muß, um eine Grenze zu errichten. Sie weint dann, weil sie nicht versteht, wieso sie so weit gehen durfte und auf einmal dermaßen dafür bestraft wird. Und mir tut es leid, wenn sie wegen Fernsehverbot, Geschichtenentzug, im-Reisebett-im-Flur-schlafen-müssen und ähnlichem weint. Würde ich früher konsequenter eingreifen, könnten wir uns das ersparen. Jetzt stehe ich hier fast am Ende der Möglichkeiten und bin selbst schuld daran, muß dem Kind solche Strafen um den Kopf hauen, weil ich die kleinen Strafen vorher umgehen wollte.

Meine Herausforderung ist, ihr klare Grenzen zu geben, und diese auch jederzeit zu wahren. Ich will einen Punkt erreichen, wo die Grenzen für die Mittlere nur noch kleine Mäuerchen sein müssen, nicht mehr Elektrozäunen. Doch bis dahin werde ich viel an mir arbeiten müssen.

Salat
 

Ute

mit Engeln unterwegs ....
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AW: Die Mittlere - meine Crux

Hallo Salat,

wenn ich es lese kommen mir folgende Gedanken. Vielleicht können es neue, andere Denkansätze für dich sein.

Woher weißt du dass sie Grenzen sucht und braucht? (Achtung Glaubenssätze - wie jedes Kind braucht Grenzen usw. )

Was ist es genau in ihrem Verhalten was für dich anstrengend ist? (Spiegel-Prinzip - zeige mir durch dein Verhalten wo es bei mir hakt)

Was ist liebenswert an ihr?

Dein Kopf sagt .... was sagt dein Herz?

"Bin selbst schuld ...." Es gibt keine Schuld. Verzeihe dir selbst - und ihr. (Verzeihliste) dann siehst du eine neue Chance. Ein neues Vorgehen kann sich dann offenbaren.


Alles Liebe :herz: Ute
 

Jacqueline

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20. April 2003
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AW: Die Mittlere - meine Crux

Liebe Frau Salat,


Ich schreib jetzt einfach mal was dazu, wenn's passt, dann ist gut, wenn's nicht passt, vergiss es einfach.


Meine Tochter und ich, wir sind in _genau_ derselben Mühle auch gesteckt.
Ich wollte ihr eine verständnisvolle, liebevolle, grosszügige Mutter sein, geduldig und gelassen, habe oft nachgegeben und durchgehen lassen - und dann irgendwann rabiate Grenzen gezogen, weil dieses Kind ja so überhaupt nicht dankbar war dafür und all meine Bemühungen mit Füssen getreten hat. So habe ich das zumindest empfunden....

Als ich mich dann wirklich auf die Suche gemacht habe, da habe ich die Lösung gefunden:
meine Tochter war/ist genau wie ich es war als Kind.
Und weil ich als Kind niemals Verständnis oder Grossmut bekam, weil auch gezeigte Zuneigung kaum stattfand, stand da irgendwo in meinem Kopf "das machst Du VIEL besser, ganz anders". Wie zu erwarten, ist das Pendel dann in die andere Richtung ausgeschlagen und ich habe es übertrieben...
Eigentlich ging es nämlich gar nicht um meine Tochter - sondern darum, wie ich hätte als Kind behandelt werden wollen. MEIN inneres Kind war ungetröstet und verzweifelt und hat mir eingeredet, wenn ich es an meiner Tochter wieder gut mache, dann wird alles wieder gut.
Käse, klar, aber erst, wenn man sich dessen mal bewusst ist.

Von da an habe ich angefangen, mein inneres Kind anders zu trösten und meine Tochter dabei aus dem Spiel zu lassen.
Gleichzeitig habe ich quasi gestrichen, dass sie wie ich ist, und mir dadurch die Gelegenheit gegeben, sie unvoreingenommen wahrzunehmen. Mich nicht durch meine eigenen Gefühle verwirren zu lassen.
Das hat mit der Zeit (nicht von jetzt auf gleich natürlich), den Druck rausgenommen und ich kann heute mit ihr genauso umgehen wie mit ihren Geschwistern - meist geduldig und gelassen, manchmal auch gereizt, aber immer ihre eigene Persönlichkeit achtend.

Im Rückblick glaube ich, dass meine Tochter mit der Weisheit eines Kleinkindes schon gespürt hat, dass all meine Bemühungen nicht ihr gegolten haben, sondern eigentlich mir selber, und dass meine Reaktionen und Handlungen alles andere als "echt" waren.

Horch mal in Dich hinein:
wieviel von dem Bild Deiner Mittleren hat damit zu tun, was DU als Kind erlebt hast?
Wieviel davon sind so Aussagen im Kopf, die man eingepflanzt bekommt, ohne dass man es merkt wie "die braucht einfach eine harte Hand" (und gegen die man sich dann meist mit zuviel Inkosequenz wehrt)...


Ich bin mir sicher, es gibt für Dich einen Weg zu Deiner Tochter, der über Liebe und Annehmen führt, weg von Repression und Unausgewogenheit.

Alles Gute, Jacqueline
 

Buchstabensalat

Lebenskünstlerin
16. Juli 2003
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AW: Die Mittlere - meine Crux

Woher ich weiß, daß sie Grenzen sucht und braucht?
Nun, sie treibt ihr Verhalten so gut wie immer so weit, daß hier einer hoch geht. Ob ich, ob mein Mann - egal. Selbst die Familienhelferin hat "bemerkt", wie sie gegen (ganz einfache Dinge) anrennen muß, immer noch mal schauen muß, ob das Verbot auch gilt. Knallt es dann, wird zwar geweint - aber danach ist alles wieder gut. Kein Schmolllen, Nachtragen - im Gegenteil läuft es eine Weile wieder richtig rund und zufriedenstellend (für alle). Und dann kommt wieder eine Phase...
Im Kindergarten, wo die Regeln ganz anders durchgesetzt werden (muß ja, sind ja viel mehr Kinder), zeigt sie dieses Verhalten *nicht*. Und hat entsprechend diese Eskalationen auch nicht. Auch nicht bei Fremden, die sie nicht einschätzen kann.

Übrigens sieht sie mir zwar unglaublich ähnlich, ist aber vom Verhalten ganz anders als ich. Ich war immer "brav" und "friedliebend". Nein, sie zeigt im Gegentum haargenau das Verhalten meines Bruders. Immer *noch* nen Schritt weiter.
Ich denke halt, wenn sie sich in klar definierten Freiräumen bewegt, kann sie diesen Streß des "Wie weit kann ich gehen" endlich ablegen und darin auch glücklicher sein.

Was ich an ihr liebe?
Sie ist so ein Funkelsternchen. Unbeugsam, willensstark, schmusebedürftig, hat ein so großes Herz, sorgt sich um ihre Schwestern (dieser beissende, schlagende Teufel, der sie manchmal ist), kann Dinge einsehen (außer bei ihren Wutanfällen), müht sich durchaus auch, es richtig zu machen. Hilfsbereit. Fantasievoll. LEBENDIG.

Salat
 

Buchstabensalat

Lebenskünstlerin
16. Juli 2003
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AW: Die Mittlere - meine Crux

Was ist es genau in ihrem Verhalten was für dich anstrengend ist?
Hm, ich sag mal so. Beim Fußball letztens sehe ich, da fliegt ein Ball auf uns zu, ich sag zu ihr: "DUCKEN!", will sie runterdrücken, weil sie sonst den Ball an den Kopf bekommt - natürlich wehrt sie sich nach Kräften, bekommt den Ball an die Ömme.
Ich kann eine Menge diskutieren und erklären, aber es gibt Sachen, da muß einfach pariert werden, JETZT und ohne WENN und ABER. Und das führt meist zu Wut und Ärger.

Heute morgen, sie bekam ein Stück Kuchen. Das brach in der Mitte durch. Ich will sie trösten, sag: "Oh, jetzt hast du zwei - " Wumms, Wutausbruch, totales Zerkrümeln des Kuchens. Mußte sie dann alle essen (das ging wieder recht glatt).
Heute nachmittag, sie soll Hose etc anziehen (hatte eingenässt). Ich geb ihr die Sachen, 15 min später ist sie immer noch blank. Ich sag: "Zieh jetzt die Sachen an." Nee, macht sie nicht. Jetzt hat sie deshalb Fernsehverbot morgen. Klar, ich hätte ihr die Sachen anschmeicheln können - bin mir aber verflixt sicher (kenne ja die Anzeichen), da hätte sie sich wieder mit Händen und Füßen gewehrt.

Salat
 

Hedwig

Sternenfee
30. Dezember 2003
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AW: Die Mittlere - meine Crux

Liebe Frau Salat,

ich bin -seitdem ich dich mal so unsachlich angegangen bin- um deine Schilderungen mit deiner Mittleren immer hilflos herumgestreunt, hab nach Worten, Lösungen, Dekanstößen gesucht und es letztendlich nicht geschafft, sie so zu formulieren, dass ich dachte, ich erreiche dich damit.

Ich mag es nochmal versuchen, wenn ich darf, denn ich mache mir wirklich viele Gedanken zu dir und deiner Mittleren.

Der Schlüssel liegt nicht bei der Mittleren. Er liegt bei dir.
Stichwort Spiegel-Prinzip.
Und das heißt nicht, dass du an ihr sehen kannst, welche "Fehler" du an ihr begehst, sondern dass sie ganz deutlich spiegelt, wie es dir geht.

Ich seh in deiner Mittleren oft mich selbst, wahrscheinlich gelingt es mir deswegen auch nie, die richtigen Worte zu finden.
Ich habe eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder.
In meiner Erinnerung war es ähnlich wie bei euch. Mein Vater beruflich oft unterwegs, meine Mutter berufstätig, deswegen 5 halbe Tage die Woche Kinderfrau. Zwischen meinen Eltern viel Streit, viele Tränen. Meine Mutter überfordert mit 3 Kindern, von denen zwei nichtmal ein Jahr auseinander waren (meine Schwester und ich. Mein Bruder ist drei Jahre jünger als ich.)
Meine Mutter große Probleme mit sich selbst.....

Ich hab als Kind sehr feine Antennen gehabt für das, was um mich herum passiert. Aber ich konnte es nicht artikulieren. Als ich es dann artikulieren konnte, war es meine Schuld. Wäre ich lieb, hätte meine Mutter keine Essstörungen. Wäre ich lieb, müssten meine Eltern nicht streiten. Der Lieblingsspruch meines Vaters war: Das Leben könnte so schön sein, wenn du lieb wärst.

Ich hab mit 8 Jahren bei einem Pschologen gesessen und gesagt: Meine Mutter hat eine Essstörung und ich hab Angst, dass sie stirbt. Ich möchte ihr helfen. Wenn ich ihr nicht helfe, stirbt sie. Und der Psychologe hat geantwortet, du kannst irh nicht helfen. Und ja, vielleicht stirbt sie daran.

Meine Eltern haben es mir übel genommen, dass ich mit dritten gesprochen habe und überhaupt war ja alles nicht wahr.

Ich war genau das, was viele Eltern heute als Horrorkind bezeichnen würden. Frech. Aggressiv, laut, Grenzen grundsätzlich fünf Schritte drüber überschritten. Konsequenzen Elternseits:
Eskalationen, inklusive Buch im Gesicht, Birkenstockabdrücke am Oberschenkel, Spielsachen, die aus dem Kinderzimmerfenster flogen, Stunden alleine in meinem Zimmer... die ganze Pallette halt. Es hat alles nichts gebracht. Bis ich mit 16 Jahren ausgezogen bin, nachdem ich Weihnachten meine Mutter trösten wollte und sie zu mir sagte: Nenn mich nicht Mama, davon wird mir schlecht.

Meine Geschwister haben übrigens auch wahrgenommen, dass bei uns einiges im argen liegt, aber sie sind anders damit umgegangen. Meine Schwester hat alles in sich reingefressen und sich bei mir ausgeweint, mein Bruder hat bedingungslos mit meinen Eltern kooperiert, weshalb ich ihn teilweise regelrecht nichts ausstehen konnte. Heute weiß ich, dass es einfach sein Weg war, wie er am besten klarkam.

Ich war immer das schwarze Schaf der Familie. Der Grund allen Übels.
Und im Grunde war ich einfach nur verzweifelt, habe meine Eltern abgöttisch geliebt und wollte nichts anderes, als dass es ihnen gut geht. Ich wollte nur, dass mein Vater einmal antwortet: Ja. Mama braucht Hilfe, ich kümmere mich darum.

Bitte verzeihe, dass ich jetzt so viel über mich geschrieben habe. Ich möchte keinesfalls, dass es hier um mich geht!
Aber ich finde mich in deiner Mittleren so wieder, dass ich dich nur bitten kann:
Sieh sie nicht als Feind, nicht als Gegner, nicht als das Übel der Familie.
Trau dich an deine dunklen Seiten, (deine Glaubenssätze, wie es hier heißt), schau nicht weg wenn sie dich spiegelt.
Deine Tochter macht etwas ganz wundervolles: Sie gibt dir die Chance, Schwächen in eurer Familie auf den Tisch zu bringen.

Paß du auf dich auf! Schütze deine
Grenzen!

Ich muss zu meinen Kids, vielleicht schreib ich später nochmal, wenn ich darf.

Liebe Grüße
Kim
 
Zuletzt bearbeitet:

Hedwig

Sternenfee
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AW: Die Mittlere - meine Crux

Okay, das heißt, ich hab wieder mal alles umsonst getippt? Dann vergiss es einfach :wink:

Liebe Grüße
Kim