Mama, ich muss bald sterben...

Dieses Thema im Forum "Rund um die Erziehung" wurde erstellt von Paulchen, 2. November 2006.

  1. Hallo,

    ich weiss nicht in welches Forum das passt, also poste ich mal hier.

    Letzten Sommer ist meine Mama gestorben und natürlich hat Paul mitbekommen, wie ich um sie getrauert habe. Heute abend lag er im Bett, und wir beide sind etwas angeschlagen momentan und ich sagte ihm wie lieb ich ihn hab. Da schaute er mich mit grossen Augen an und sagte:" Mama, ich muss bald sterben. Dann bin ich ganz weit weg, wo du nicht mehr hinkommst. Dann weine ich, dann bin ich ganz allein."

    Er sagte es mit grossem Ernst und ich Blödfrau bin direkt in Tränen ausgebrochen, weil es meine schlimmsten Ängste berührt (seit letztem jahr weiss ich , dass ich und meine Familie nicht unverletzbar sind, vorher hatte ich so einen "Wahn", dass uns sowas nicht passiert, keine Ahnung warum ich so blauäugig war.) Daraufhin hat er eine Panikattacke bekommen und ganz schlimm geweint, klar, weil er gemerkt hat, dass ich innerlich vor Angst explodiert bin. Es war ein ganz schlimmer Moment. Für beide.

    Hab mich dann gleich gefangen und mit ihm ruhig gesprochen. Er fragte mich dann, ob auch Kinder sterben müssen und ich habe geantwortet: Manchmal müsen auch Kinder sterben aber meistens sterben Menschen erst, wenn sie alt sind. Und dann wollte er wissen, ob Mamas auch sterben. Da habe ich geantwortet, manchmal ja. Aber meistens sterben Mamas auch erst, wenn sie alt sind.

    Zu viel Realismus? Hätte ich ihm seine Ängste besser nehmen sollen? Ich weiss es nicht, hab mal wieder gemerkt, welche schlimmen Erinnerungen/Ängste in mir sind.

    Gibt es eine Phase, in der sich Kinder mit Tod etc. beschäftigen. Gibts Bücher dazu? Fragen über Fragen, wo ich doch selber innerlich noch zittere....

    Katja :(
     
  2. Jacqueline

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    AW: Mama, ich muss bald sterben...

    :tröst:

    Ja, es gibt so eine Phase, wo sich Kinder mit dem Tod beschäftigen. Und so schwer uns Erwachsenen das manchmal fällt, es ist eigentlich ganz normal.

    Kinder sind damit beschäftigt, unsere Welt zu verstehen. Da gibt es so viele aufregende Dinge zu erfassen, zu lernen. Es gibt hell und dunkel, leise und laut, gross und klein - und es gibt Geburt und Tod.
    Kinder entwickeln irgendwann ein Gefühl dafür, dass das Leben aus mehr als Jetzt besteht, dass es Gestern und morgen gibt - und dann kommt unweigerlich auch die Feststellung, dass man nicht schon immer da war, und auch, dass man nicht immer da sein wird.

    Je unbefangener wir "Grossen" damit umgehen können, umso besser können es Kinder auch. Was wir "Grossen" schon übers Sterben, Abschiednehmen, über Krankheit und Leid wissen, das prägt unseren Umgang mit dem Thema. Aber das will ein Kind noch gar nicht unbedingt wissen - und vor allem ist es nicht wirklich nützlich, dem Kind die eigenen Ängste aufzulegen.

    Grundsätzlich halte ich es aber aus eigener Erfahrung für das Beste, ehrlich zu sein mit den Kindern. Das bedeutet bestimmt nicht, dass man ihnen alles von sich aus bis ins Detail erklären muss, aber - es bedeutet für mich, dass ich meinen Kindern _immer_ eine ehrliche Antwort gegeben habe, selbst wenn die geheissen hat "ja, ich könnte auch sterben", im Wissen, dass es den Kindern Angst machen könnte. Aber gleichzeitig haben sie so Vertrauen in meine Worte bekommen, sie wissen, dass ich sie auch bei schwierigen Themen nie anschwindle, dass sie immer fragen dürfen.

    Dass man angesichts des Todes eines einem lieben Menschen traurig ist, dass man weint - DAS ist eine authentische Reaktion, und das dürfen Kinder sehen und lernen. Wer von uns möchte schon Kinder, die später nicht in der Lage sind, ihre "negativen" Gefühle zuzulassen, die alles in sich hineinfressen, weil sie glauben, ihre Umwelt schonen zu müssen?


    Liebe Grüsse, Jacqueline
     
  3. AW: Mama, ich muss bald sterben...

    Danke Jacqueline für deine lieben mitfühlenden Worte. Gerade von dir bedeutet es mir viel, ich hab Davids Site gelesen.

    Ich bin normalerweise ein ganz gelassener Mensch, auch was Tod angeht. Meine Mama hat mich diesbezüglich viel gelehrt. Und ich teile deine Ansicht, dass ich ehrlich mit diesen Themen umgehen will, aber meine Ängste blockieren mich dann doch in einer solchen Situation.

    Katja
     
  4. AW: Mama, ich muss bald sterben...

    Liebe Katja,

    ich verstehe Deine Gefühle sehr.
    Manuel hatte auch so eine Zeit, wo er viel über das Sterben fragte (da wir zwei Gräber für meine Schwiegermama betreuen).

    Er meinte, dass man erst stirbt, wenn man alt ist. Ich erklärte ihm, dass auch Kinder und Babys sterben können. Mit der Erklärung, dass wir Menschen so lange auf der Welt sind, bis wir bestimmte Dinge gelernt haben. Und jeder hat was anderes zu lernen.

    Er fragte mich dann direkt: Mama - wann stirbst Du?
    Ich hatte schon kurz geschluckt und in meinem Hirn war nur die Bitte, dass ich die "richtige" Antwort gebe. Ich sagte ihm dann, dass ich es nicht weiß - niemand weiß, wann er stirbt.
    Und ich merkte, dass ich mich wirklich bemühte, diese "Betroffenheit über dieses heikle Thema" hintenanzustellen und ihm das so zu sagen, dass es so normal ist, als wenn ich ihm erkläre, dass die Sonne jeden Tag unter geht und am Morgen wieder aufgeht.

    Lieben Gruß
    Christine
     
  5. AW: Mama, ich muss bald sterben...

    Hallo Katja,

    ich denke wir Erwachsene schwanken, sofern unsere Kinder das Thema Tod ansprechen, zwischen "ehrlich und unbefangen zu antworten" und doch das "Kind nicht zu sehr mit der -für uns so grausamen- Realität zu konfrontieren".
    Meine 4-jährige Tochter frägt in letzter Zeit auch nach dem Tod, im Kindergarten geht um aufeinander zielen mit der Aussage "Du bist jetzt tot", irgendwo schnappen es die Kinder unweigerlich auf und es ist ja auch gut danach zu fragen.
    Es fällt mir dann aber auch schwer die passende Antwort zu finden.

    Ich finde es in keinstem Fall verwerflich wenn Du bei den Worten Deines Sohnes in Tränen ausbrichst- Du hast ihm ja, als Du Dich wieder beruhigt hattest Deine Gefühle erklärt und nicht abgewiegelt.

    Ich habe vor kurzem von meinem Onkel geträumt, an welchem ich sehr hing und der kurz vor der Geburt meiner Tochter verstorben ist.
    Als ich hiervon meinem Mann berichtete, bin ich in Tränen ausgebrochen weil der Traum noch so real war und Lea hat es mitbekommen.
    Sie wollte dann auch alles hierüber und über diesen Mann wissen- wir haben dann Fotoalben angeschaut und als sie sagte "hat er Dich geliebt?" hat es mich wieder überkommen:( .
    Wir haben dann darüber gesprochen und irgendwann hab ich gemerkt, dass es jetzt für sie an Informationen reicht und dann sollte man auch aufhören.

    Ich kann mich den Worten von Jacqueline auch nur anschließen- mach Dir keine Vorwürfe.


    Alles Liebe

    Petra
     
  6. Röschen

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    AW: Mama, ich muss bald sterben...

    Hallo Katja,

    ich habe ja Anfang diesen Monats meine Großmutter recht plötzlich gehen lassen müssen und habe dann auch sehr stark getrauert.

    Erne konnte ich dann aber erklären, dass meine Oma tot ist und ich deshalb traurig bin. Er hat das auch verstanden und nicht weiter nachgefragt.

    Ab und an kommt immer mal wieder total unvermittelt von ihm der Satz, dass meine Oma tot ist und ich deshalb traurig. Es beschäftigt ihn auch, aber in einer Weise, mit der wir alle noch gut umgehen können.

    Auch bei unseren Haustieren wird es nicht anders sein, er kennt unsere drei Meerschweinchen und zumindest bei einem (7 Jahre) muss man eigentlich immer damit rechnen, dass sie mal nciht mehr morgens mit den anderen beiden am Gitter steht.

    Und auch da werde ich trauern und Erne wird es erleben. Das sind einfach Dinge, die zum Leben gehören und auch dass er mal sterben wird (hoffentlich lange nach mir) ist eine Tatsache, die mir ab und an mal die Tränen in die Augen treibt.

    Du kannst ihm seine Ängste nicht nehmen, du kannst ihn nur lehren, damit umzugehen. Und je ehrlicher du zu ihm bist, was deine Gefühle angeht, umso einfacher wird es auch für ihn werden.

    Liebe Grüße

    Rosi
     
  7. Mimi

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    AW: Mama, ich muss bald sterben...

    Auch bei uns war das ein grosses Thema. Vor 2 Jahren weinte Benji bitterlich, als er mich fragte, ob auch er irgendwann sterben müsse, und mir hat es fast das Herz zerissen!
    Wir haben versucht, ihm zu erklären, dass meistens Menschen sterben, wenn sie sehr alt sind, denn zu viel Realität fand ich damals für einen 4jährigen auch nicht angebracht!
    Seine grössten Ängste waren, dass die verstorbene Person dann in Vergessenheit gerät, dass man nicht mehr mit ihr sprechen kann.
    Wir haben oft darüber geredet, wie man sich an Menschen erinnern kann, die schon verstorben sind (z.B. meine Grossmutter, die Benji jedoch nie kennengelernt hat), auch, dass man sehr wohl noch mit ihr reden kann und wenn man ganz genau in sein Herz hineinhört, dann erhält man sogar eine Antwort!

    Es ist wohl das natürliche Bedürfnis eines Kindes, sich mit dem Thema Tod, und was kommt danach, auseinanderzusetzen.
    Wir können es dabei unterstützen, indem wir ehrlich sind, jedoch behutsam, seine Gefühle ernst nehmen und auch unsere eigenen, ob Trauer oder Furcht, nicht verbergen.

    Erst vor ein paar Monaten sagte Benji zu meiner Schwägerin, die er sehr lieb hat: "Wenn Du mal sterben musst, dann kann ich immernoch mit Dir reden!"
    Sie war ziemlich entsetzt, sogar etwas gekränkt, dabei war es nur seine Art, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen!
     
  8. AW: Mama, ich muss bald sterben...

    Vielen Dank ihr Lieben! Eure Worte haben mir sehr geholfen, diese Dinge in Kontext zu setzen.

    Nachtrag: Mit meinen "schlimmsten Ängsten" meinte ich nicht meinen oder irgendeinen Tod. Ich habe keine Angst (mehr) davor tot zu sein. Nur vor dem Sterben an sich, weil ich es bei meiner Mutter in schlimmster Form miterlebt habe.

    Meine schlimmste Angst ist, dass Paul VOR MIR sterben müsste. DAS macht mich innerlich zittern und zagen. Einige hier im Forum haben das erleben müssen und mein tiefstes Mitgefühl und gleichzeitig meine größte Hochachtung. Diese Angst kann mir keiner nehmen. Und ich verstehe plötzlich, was Mama auf dem Sterbebett meinte, als sie sagte: "Es ist so schwer, euch zu verlassen. Es ist so schwer, ohne euch zu gehen." Nicht der Tod war für sie schwer, sondern ohne uns zu sein. Jetzt verstehe ich, was ich damals nicht verstanden habe.

    Katja, immer noch tief betroffen

    @Rosi: Mein Beileid zum Tod deiner Grossmama. Es ist schwer, jemanden gehen zu lassen, den man liebt! ((((())))
     
    #8 Paulchen, 3. November 2006
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 3. November 2006

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