das sogenannte trotzalter (lang)

jackie

buchstabenwirbelwind
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11. Juli 2002
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liebe gabriela :winke:

du sprichst mir (und übrigens auch neill!) aus der seele, wenn du die sogenannten antiautoritär erzogenen plagen kritisierst, oder besser noch ihre sg erzieher.

keine regeln, kind ohne anreiz und grenze wild wuchern lassen, genau das war die antiautoritäre erziehung NICHT. (blöder satz, aber krieg das nur schwer hin :))

a.s.neill hat zu lebzeiten noch erleben müssen, was aus seiner idee gemacht worden ist -> er war entsetzt und verzweifelt.

sein konstrukt greift ja auch weniger in die frühkindliche erziehung, sondern ging zunächst auf die schulerziehung. er hat eine schule in england gegründet: summerhill.
dort mußten die kinder nicht zum unterricht, es sei denn sie wollten. natürlich sind alle kinder, die von normalen schulen gekommen sind, mal nicht in den unterricht gegangen, sondern haben ihre zeit mit spielen verbracht.
tatsache aber ist (und das buch, das ich gelesen habe, schilderte 20 jahre summerhill), daß ALLE kinder früher oder später FREIWILLIG in den unterricht kamen. und dort dann natürlich auch ganz anders gelernt haben! ein mädchen hielt den rekord. sie kam 2 jahre nicht und war vor summerhill auf einer klosterschule :-D
auch regeln gab es dort: einmal im monat tagte der schulrat. zum unterschied zu normalen räten, bestand der summerhill schulrat aus allen lehrern, dem direktor neill und allen schülern bis runter zu den 4jährigen vorschülern. und alle hatten je eine stimme.
die beschlüsse des schulrates mußten von allen respektiert werden (->regeln) und galten jeweils f ein monat. selbstverständlich kam es vor, daß unsinnige regeln beschlossen wurden, schließlich konnten die kinder leicht gegen die lehrer eine mehrheit durchsetzen.
nur haben sie dann am eigenen leib erfahren, WIE unsinnig manche ideen f ein funktionierendes zusammenleben sind... die regeln wurden dann wieder aufgelöst. so haben die kids von klein auf vernunft und eigenverantwortlichkeit gelernt.

ich könnt hier noch seitenweise über summerhill schwärmen (übrigens vorbild f waldorf schule und montessori!!! die aber lang nicht so radikal sind), aber das reicht mal für's erste :)

kann nur sagen, ich wäre wahnsinnig gern auf eine solche schule gegangen. dann hätt ich mir den einen oder anderen umweg im leben erspart.

küsschen :bussi:
jackie
 
G

gabriela

hallo jackie,

mein lückenhaftes errinerungsvermögen hat wenig mit dem alter zu tun, das war bei mir schon in frühester kindheit so - ich nenne das "selektives gedächnis" :-D kurzum, ich kenne neill und seine schule, irgendwann in meinem leben habe ich darüber gelesen und mich damit auseinander gesetzt, frag mich aber nicht wann und wo. ich errinere mich nur dass ich sehr lebhafte diskussionen über ihn hatte, mit einer sehr guten freundin von mir. wir sind auch bei montesori, stein und waldorf gelangt, auch bei frau liedlof und das kontinuum (alles in einem topf :-D ). ihre tochter ging anschliessend in einem montesori kiga, meine in einem evanghelischen, weil die ein herz für alleinerziehenden hatten ;-)

ich mache mir hier bestimmt ein paar feinde, aber ich halte von keinem diesen schulmodellen etwas, ob montesori, waldorf, stein oder summerhill. in neills schule würde ich erstrecht nicht gehen wollen und meine kids auch nicht dorthin schicken (freiwillig ja, aber bitte dann jeden tag!). ganz einfach aus dem grund, weil diese schulmodelle weltfremd sind und die kinder die da raus kommen ebenfalls - meiner meinung nach. das geheimnis einer guten schulausbildung hat für mich zwei hauptkomponenten: zum einen, angagierte lehrer, die die kinder für ihren fach begeistern können und auch auf das einzelne eingehen können. lehrer die ihr beruf noch LIEBEN - leider zzt mangelware. zum anderen, eltern die in der schule keine lästige pflicht sehen, nicht nur ein weg um später als erwachsener geld zu verdienen. eltern die es verstehen, ihren kindern interesse und liebe für wissen und bildung zu vermitteln. die beste schule der welt nutzt wenig, wenn zuhause die nötige einstellung dazu fehlt.

wenn das alles gegeben ist, dann hat JEDES kind die chance, seiner veranlagung gemäss (gerne) zu lernen und sich schulisch optimal zu entwickeln. aber all das ohne eine (wenn nötig) strenge hand (zuhause und in der schule) zu erreichen, finde ich nicht möglich. ich habe auch nicht jeden tag lust zu arbeiten und muss das trotzdem machen, das muss auch ein kind von früh auf lernen. es geht nun mal im leben nicht immer nach dem lustprinzip und auch kinder müssen lernen mit frust und unlust umzugehen. nach lust und laune in die schule zu gehen, finde ich total danaben und wie gesagt, weltfremd. die kinder die ich kenne und die in diesem sinne erzogen wurden, reichen mir als beispiel aus. ich hatte auch 3 kommilitonen die aus montesori und steinerschule kamen, die haben mich in meiner meinung nur bestärkt.

ich hatte glück und ich ging SEHR gerne in die schule. nicht jeden tag und nicht zu jedem lehrer, macher lehrer habe ich richtig gehasst (mathe!). aber ich hatte überwiegend lehrer denen ich, im nachhinen gedacht, sehr viel zu verdanken habe. lehrer die mit leib und seele dabei waren und die mir viel geholfen haben auf mein lebensweg. meine mutter hat mich unterstützt wo sie nur konnte, obwohl sie keine besonders gut gebildete frau ist und (für ihrer zeit) eine schandhaft geschiedene frau war. alles andere hing dann von mir ab, aber die bedingungen waren (in meinem sinne) erfüllt. ich wünschte meine kinder hätten auch solche lehrer wie ich mal hatte, dann müsste ich mir keine sorgen um sie machen.

auch flavia geht gerne in die schule, obwohl sie nicht so tolle lehrer hat (ihr lieblingslehrer ging jetzt in die rente, leeeider, sie hat darüber geweint). sie geht auf ein europa-gymnasium, davor war sie in einer stinknormalen bezirkschule. ich habe mit ihr nie hausaufgaben gemacht, ich habe sie nur unterstützt wenn sie hilfe gebraucht hat und ihr zb. immerwieder den wörterbuch unter die nase gehalten, anstatt dass ich als wörterbuch für sie war. sie hat gelernt dass die schule ihre pflicht ist und weisst dass sie meine rückenstärkung für den notfall hat. wenn sie keine lust auf die schule hatte, muste sie trotzdem hin. ich habe versucht ihr einfach zu erklären, warum sie lernen MUSS und dass sie das lieber GERNE tun soll. lernen muss sie vom ersten schultag an alleine, sie lernt nicht für mich, sondern fürs leben :)

liebe grüsse,
die böse mama gabriela :->
 

jackie

buchstabenwirbelwind
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liebe "böse" gabriela :)

wie gesagt, ich verstehe deine bedenken. aber .. hihi, jetzt kommt's, das aber.

summerhill war anders.

wirklich.

das beste ist nämlich, es hat funktioniert. die leute, die dort aufgewachsen sind (und die schule gibt es seit über 20 jahren nicht mehr) sind alle was geworden, das ist belegt. kein sozialschmarotzer oder sonst was drunter.

ich hatte genau die gleichen bedenken wie du, hab mich eingehend damit beschäftigt und meine meinung geändert.

die lehrer waren begeistert bei der sache und die kids eben auch.

meiner ansicht nach war das einzige problem, daß neill selbst ein charismatiker war und mit ihm die schule stand und dann auch fiel. ohne ihn hat es nicht mehr funktioniert 8auch darüber gibt es ein buch :-D )

aber das alles führt hier zu weit... vielleicht kommst du doch mal nach wien und wir gehen auf einen kaffee?

wir müssen ja nicht nur über die schule plaudern...

ich hatte übrigens auch einige ganz ganz tolle lehrer, die meinen weg entscheidend geprägt haben. einer von ihnen (mein mathelehrer und klassenvorstand) verunglückte tödlich als ich 14 war - da hat die ganze klasse geweint, es war furchtbar. :-( ich kann flavia gut verstehn. ein guter lehrer ist was unbeschreibliches, wie ein mittelding zwischen eltern udn freund.

alles liebe noch und grüße an die kids
jackie :engel:
 
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gabriela

ach wien... wien im sommer, ein kaffetchen mit sachertorte und du kannst mir mir über alles reden. gerne sogar. :-D
 

jackie

buchstabenwirbelwind
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:) wien im herbst ist auch spitzenmäßig

und jetzt, wo wir endlich neuwahlen haben, sind wir hoffentlich auch bald wieder salonfähig, international gesehen :jaja: