Gedichte & Gedanken "Richtig Weihnachten"

Krabbelkaefer

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Hier riechts nach Abenteuer
5. Dezember 2002
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Wiesbaden
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Mir ist die Geschichte sehr zu Herzen gegangen. Ich weiss nicht ob sie wahr ist, aber das ist eigentlich auch egal ...


Richtig Weihnachten

,,Höchstens eine Stunde, dann ist die Andacht vorbei," geht es Küster Michael Bollbach durch den Kopf, während er in der Sakristei mit einem Ohr Pfarrer Dierich's Predigt zuhört. ,,Schnell noch die paar Sachen wegräumen und die Kirchentüren abschließen, dann habe ich früh Feier
abend! Wenn ich da an den normalen Heiligabend denke: Schon Tage vorher ist die große Hektik angesagt. Frischer Blumenschmuck muß her, mit den Männern vom Kirchenchor muß der 6 Meter hohe Tannenbaum reingeschleppt, aufgestellt und geschmückt werden und die Schlepperei der mannshohen Krippenfiguren; auch kein Zuckerschlecken. Am schlimmsten ist aber Heiligabend. Um Fünf ist die Kindermette. Danach schnell notdürftig aufräumen, alles wieder abschließen und im Sauseschritt nach Hause. Umziehen. Mit Ingeborg den Gabentisch für die Kinder im Wohnzimmer decken. Weihnachtslieder singen. Weihnachtsgeschichte lesen. Nochmal singen.
Bescherung. Zum Geschenke ausprobieren bleibt kaum Zeit, schließlich wartet die Gans im Ofen.

Nach dem Essen muß ich auch schon wieder in die Kirche. Die ersten Besucher für die Christmette trudeln ja schon so um halb zehn ein. Und dann der viele Trubel; Herr Bollbach hier, Herr Bollbach da! Und wenn ich dann nach hause komme, ist der Abend gelaufen. Mir tun die Füße weh und ich will einfach nur noch meine Ruhe.

Weihnachten feiern fällt Isolde Löbenstein, Ehemann Karl-Peter und Tochter Franziska heute schwer. Alles ist ganz anders. Simon fehlt. ,,Der kleine Fratz war aber auch immer ganz verrückt nach Weihnachten," erinnert sich Isolde, ,,schon Wochen vorher hatte er diese großen Kinder
augen. An den Schaufenstern der Spielwarengeschäfte drückte er sich fast die Stupsnase platt. Und wenn ich zuhause Plätzchen gebacken habe, dann konnte ihn selbst sein bester Freund nicht vor die Tür locken, Bis zu den Ellenbogen matschte unser Zwergnase dann im Teig rum und wehe, ich wollte auch nur ein einziges Plätzchen selber ausstechen, schon rollten fast Kullertränchen. Am meisten freute sich Simon aber immer auf die Kindermette. Beim Krippenspiel des Kindergartens litt er mit dem armen Christkind, das in einem sauhundekalten -wie er es nannte - Kuhstall geboren wurde. Er verfluchte den hartgesottenen Gastwirt, der Joseph und
Maria einfach abblitzen ließ, war fasziniert von den strahlend weißen Engeln und fand es einfach ziemlich klasse, dass die Hirten den Engeln glaubten. Den Glauben rechnete er den Hirten wirklich hoch an, wo die doch eigentlich hätten meinen müssen, dass Spock und Konsorten von der
Enterprise hergebeamt seien! Aber jetzt war Simon nicht mehr da. Nie mehr würde er Weihnachten erleben!" Isolde wischt sich ihre Tränen aus dem Gesicht und versucht sich auf die Predigt zu konzentrieren.

,,Man muß die Feste eben feiern wie sie fallen," beginnt Helmut Dierich seine Predigt in der schmucklosen Kirche. ,,Für gewöhnlich feiern wir am Heiligabend das Hochfest der Geburt des Herrn. Weihnachten ist damit ein ganz besonderer Freudentag im Kirchenjahr und im Bewusstsein
vieler Menschen ist es das Fest der Liebe. Für gewöhnlich ist das ja auch in unserer Kirchen gemeinde so. Nicht so in diesem Jahr. Wir haben keinen Christbaum aufgestellt, die Krippe ist gut verpackt im Pfarrhaus untergebracht und anstatt eine festliche Christmette zu feiern, haben
wir uns zu einer schlichten Andacht versammelt. Man muß die Feste eben feiern wie sie fallen. Heute vor einem Monat haben wir Weihnachten gefeiert. So wie heute war die Kirche gut besucht. Wie in jedem Jahr hat der Kindergarten sein Krippenspiel aufgeführt, der Christbaum stand vorn
hinter dem Altar und unsere Krippe stand sinnbildlich für die Geschehnisse vor 2000 Jahren in Bethlehem. Und obwohl alles war wie immer, war es doch ein ganz besonderes Fest für uns alle.
Ich fühlte mich beim Einzug mit den Messdienern niedergeschlagen. Meine wirkliche Freude über unseren ganz besonderen Festtag wurde überschattet von dem Wissen, dass dieses vor gezogene Weihnachtsfest für den kleinen Simon das letzte sein würde, das er erleben dürfte.
Die Ärzte hatten wochenlang um sein Überleben gekämpft. Es war vergebens und Anfang November stand fest, dass Simon den Kampf gegen seine schwere Krankheit noch vor Jahresfrist verlieren würde. ,Vermutlich,' so sagten die Ärzte den Eltern, wird Ihr Sohn Weihnachten schon nicht mehr erleben!' Deshalb hatten wir in Absprache mit den Eltern, dem Pfarrgemeinderat und unserem Generalvikariat beschlossen, Weihnachten um einen Monat vorzuziehen. Wir wussten
einfach, dass wir mit dieser gemeinsamen Feier Simon ein letztes großes Geschenk machen konnten. Alle Beteiligten waren Feuer und Flamme für diese Idee und bemühten sich um eine besonders schöne Gottesdienstgestaltung und die Kirche wurde wirklich voll wie nie zuvor. Aber nun ging ich in die Kirche und wusste, dass hier im Mittelgang Simon in seinem Krankenbett liegen würde. Allerlei Geräte und Schläuche, das kannte ich schon von den vielen Besuchen im Krankenhaus und beim ihm daheim, würden ihn versorgen und ich hatte mich darauf eingestellt,
wieder in das kleine, ausgemergelte und bleiche Kindergesicht zu schauen. Am schlimmsten war für mich jedoch, dass Simon mich wieder fragend anschauen würde, so, als ob er ganz auf meine Hilfe vertraute.

Aber meine Grenzen waren doch eng und meine Hilflosigkeit groß.
Es kam anders. Als ich Simon dann sah, konnte ich in seinem Gesicht nur Glück und Zufriedenheit ausmachen. Mir war, als wäre dieser kleine Junge nur fasziniert von dem Geschehen um ihn herum und das ließ ihn offenbar die Schmerzen vergessen. Dieser kurze Augenblick, in dem ich an ihm
vorbei zum Altar ging, hat mein Leben verändert.
Mit seinem Lächeln hat Simon mir ungeheuer viel Mut gemacht. Sein kindlicher Glaube hat mir den wirklichen Wert des Lebens nahe gebracht und mir gezeigt, dass all unser Glück in Gottes Hand liegt.
Nur sechs Tage nach diesem Weihnachtsfest, am 30. November, ist Simon gestorben. Zusammen mit seiner Familie durfte ich seine Hand halten. Wir durften miterleben, wie glücklich ein Menschenkind von uns gehen kann."

Klaus-Peter Löbenstein's innere Anspannung und seine äußere Haltung weichen hemmungslosen Tränen. ,,Warum durfte Simon erst im Augenblick des Todes wieder glücklich sein? Er hatte sein schweres Los nicht verdient. Die endlosen Schmerzen und die anstrengenden Chemotherapien, nein, das hatte er nicht verdient. Er sollte doch groß, stark und erfolgreich werden!

,,Man muß die Feste eben feiern, wie sie fallen," fahrt Pfarrer Dierich's fort. Ich glaube, Simon uns allen ein ganz neues Fest geschenkt. Ich weiß auch, dass viele von Ihnen wirklich an hat diesem Abend, auch im Kreis ihrer Familien, Weihnachten gefeiert haben. Und wenn es auch
unsere Absicht gewesen ist, Simon eine letzte Freude zu bereiten, so glaube ich doch, dass eigentlich er es war, der uns das Geschenk unseres Lebens gemacht hat: das Geschenk größten Glücks und tiefster Zufriedenheit!"

,,Ich möchte etwas sagen!" Küster Michael Bollbach steht plötzlich in der weit geöffneten Sakristeitür. ,,Ich bin es nicht gewohnt, in der Kirche vor so vielen Menschen zu sprechen. Ich kann das auch nicht. Aber das muß raus: Danke für das erste richtige Weihnachten in meinem Leben!"
Stephan Weiler, Kassel 1996
 
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5. Dezember 2002
11.356
1.083
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Wiesbaden
krabbelkaeferfamilie.blogspot.de
In einer meiner Mailinglisten, in der sich christlich engangierte Menschen tummeln (hab ich Euch schon "gestanden" das ich Religionspädagogin bin?!). Dort hat jemand Geschichten für eine Adventsfeier mit Erwachsenen gesucht und u.a. diese als Antwort erhalten.

Es war die Geschichte die mich am meisten bewegt hat, und die ich am schönsten finde.... daher hab ich sie hierher gepostet.
 
llb

llb

Gehört zum Inventar
26. April 2002
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36
:-( :-( :-( Seit ich Luca habe, bin ich mit solchen Geschichten noch viel empfindlicher, als ich es sowieso schon war....

Leider gehört aber auch das zum Leben dazu.

Liebe Grüße
 
D

Danny

:-( :-( :-( :-( :heul: :heul: :-( :-( :-( :-(
Das ist soooo traurig ,
Ich hoffe für uns und für Euch das wir nie in die lage kommen werden und unsere Kinder Beerdigen müßen ,ich glaube das würde ich nicht Überleben.
 
Evelyn

Evelyn

Bibi Blocksberg
19. März 2002
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Minga
In einer meiner Mailinglisten, in der sich christlich engangierte Menschen tummeln (hab ich Euch schon "gestanden" das ich Religionspädagogin bin?!). Dort hat jemand Geschichten für eine Adventsfeier mit Erwachsenen gesucht und u.a. diese als Antwort erhalten.
Aha - ist doch fein!

Was macht man als Religionspädagogin genau? Reli-Unterricht???

Es war die Geschichte die mich am meisten bewegt hat, und die ich am schönsten finde.... daher hab ich sie hierher gepostet.
Danke für's posten :jaja: