Manchmal erschauere ich vor mir selbst...

Dieses Thema im Forum "Kaffeeklatsch" wurde erstellt von Buchstabensalat, 12. Juli 2006.

  1. Buchstabensalat

    Buchstabensalat Pinselohräffchen

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    Die Drei sind ja nun gerade zuhause, weil der Kindergarten Urlaub hat. Und als wir am Montag den Papa mal wieder auf die Reise geschickt haben, sind wir spontan mit dem Zug von "Papaabfahrort" zurück in unseren Heimatort gefahren. Kost´ ja für die Sprotten nix und für mich kaum was.

    Jedenfalls war es *der Knaller*, und da reifte in mir die Idee, wir fahren mit dem Zug nach B., besuchen meinen Papa, schauen evtl. in der Arbeit mal rein und düsen dann zurück.

    Also brach hier um neun Uhr alles direkt nach dem Frühstück auf. Noch mit Eigelbkrümeln übern ganzen Tisch verteilt, gar nicht meine Art, weil ich es hasse, in solchen Dreck zurückzukommen. Aber vorher noch Einkaufen (Opa machte den Chauffeur) ging eben nur so noch.

    Pünktlich um kurz nach Zehn saßen wir im Zug, alles wunderbar, meinen Papa per Handy informiert, daß er uns am Bahnhof abholen solle (zu Fuß, er weigert sich ja, Kindersitze zu kaufen - O-Ton: lohnt doch nicht mehr... :piebts:). Aber ist ja mit Straßenbahn auch kein großes Problem.

    Glücklicherweise war auch gerade Markt, also schnell noch eine Zucchini, Paprika und zwei Tomaten gekauft für ne Nudelsosse. Nudeln hätte er ja, sagt er...

    Vor dem Haus meines Vaters hatten die Bauarbeiter (10 m weiter wurde die Straße aufgerissen) einen Hydranten aufgedreht. Ratet, wer sich mit dem Wasser amüsierte. Die drei hüpften also fröhlich durch die Riesenpfütze und hatten Spaß. Und waren, klar, nachher naß. Also ausziehen, nasse Sachen in den Trockner, ab in den Garten - nachdem ich fürsorglich die große Ausschachtung vor dem Kellerfenster nach allen Regeln der Kunst mit einer Leiter, einem Brett und ner gekippten Gartenliege abgeriegelt hatte. ;)

    Ich Mama kochte also Nudelsosse und Nudeln für die hungrigen Monsterchen, die sich aber prompt weigerten, die ungewohnten Nudeln zu essen. D.h., die Mittlere und die Kleinste hauten rein, Königstochter erste hingegen verweigerte die seltsamen Spätzle wegen des Brühgeschmacks. Hatte der Opa doch Brühe ins Kochwasser gekippt - gut gemeint, zu spät begriffen, sonst hätte ich gehindert.
    Naja, Zwieback war ja satt da - und klar, daß die Zweite sofort auch Zwieback wollte.

    Kleinste wurde nun auch nölig und müde, und da bei meinem Vater jegliches Kinderzubehör durch völlige Abwesenheit glänzt, wurde sie kurzerhand in eine weich ausgepolsterte Gartenstuhl-Kissen-Kiste gelegt. Gefiel ihr aber so gar nicht, also weiterspielen lassen. Auf einmal jämmerliches Weinen. Was ist los? Keinerlei Gefahrenquellen in Reichweite - nur Dreck hat sie im Gesicht kleben.
    Ja denkste, der Dreck war eine fette Bremse, die sich vor lauter Gier sogar fangen ließ. Ein dicker Blutstropfen prangt auf ihrer zarten Wange. Armes Kind. Und noch ärmer - als sie hinter mir hertapst, stolpert sie und schlägt sich den Zeh auf.
    Zudem sinkt die Laune kontinuierlich, und so packe ich die Kleine in den Wagen, schnappe die beiden anderen und den Opa und ziehe gen Arbeitsstätte (liegt praktischerweise auf dem Weg Richtung Bahnhof).

    Nachdem man alle Kollegen einmal abgenickt hat, in der Kantine knapp noch ein Eis bekam und die Kleine nach einer knappen Stunde wieder wach ist, plane ich die Rückfahrt - die Mittlere hält so gerade noch durch, die Große jammert auch. Bisher sind sie knapp zwei Kilometer gelaufen - nicht am Stück, sondern alles in allem. Bejammernswerte Bande.

    Am Bahnhof überbrücken wir die Wartezeit mit dickem Sundae-Eis bei den goldenen Bögen, der Opa und ich halten durch mit einem Kaffee in der Hand. Kann mir irgendwer erklären, wieso die Kasse 8 Euro zeigt, ich aber nur 7 bezahlen muß? Die Mädels machen Jux auf den Bänken, vom durchs-Lokal-rennen kann ich sie gerade so abhalten.
    Egal, die Zeit rückt voran, es ist kurz nach drei, ab auf den Bahnsteig - der Zug fährt - -
    Ja nichts ist mit fahren. Unfall auf der Strecke, zwanzig Minuten Verspätung.
    Als der zweite Güterzug in ca. 1,50 m Abstand an den drei quengeligen Mädchen vorbeirauscht, verziehen wir uns in die Unterführung - und jagen uns ein wenig herum. Dafür haben sie dann wieder genug Energie.

    O Wunder, die Privatbahn ist in ihren Aussagen verläßlich - wir sind tatsächlich zwanzig Minuten später mit einem Zug versorgt und auf dem Weg Richtung Heimat. Ungefähr auf halber Strecke erschrickt sich die Große: "Der Zug fährt ja in die andere Richtung!"
    "Ja klar, wir wollen doch nach Hause, oder?"
    Irritiertes Schweigen. "Aber eben fuhr er doch anders rum?"
    Nö, wirklich nicht. Alles in Ordnung.

    Nebenbei dreht die Mittlere am Rad. Rumlaufen und Quatsch machen tun sie ja alle, sie aber immer noch nen Tucken mehr. Wenn sie nicht gerade mitten im Weg liegt und abschlafft.
    Schließlich fange ich sie ein und verfrachte sie in den Wagen. Auf die Kleine kann ich dreimal besser beim Bremsen und Anfahren aufpassen. Ein Märchen hält die Große bei der Stange, und wir sind tatsächlich pünktklich (plus 20 Minuten) am Bahnhof, wo der andere Opa auf uns wartet. Dank, Lob und Preis - nochmal gute 30 m Heimweg hätte keiner von uns durchgestanden.

    Im Auto sinkt die Mittlere dahin. Ob die wohl durchschläft? Ein Abendbrot und eine Sesamstrasse mit den anderen später ist klar: sie tut es nicht. Also zweites Abfüttern, wieder springt Opa hilfreich ein, während ich die Kleinste ins Bett ringe. Und dieweil ich ihre rituelle Abendmilch in die Mikrowelle stelle, kommt meine Jüngste in die Küche gestapft, sieht mein Tun - "ÄGÄÄÄÄÄÄÄgs! dmnEINer! Ääääg määäg möööög..." - bis denn die Milch endlich warm ist. Ein wenig komme ich mir vor wie der Rattenfänger von Hameln, als ich - die Milch demonstrativ hochhaltend - in Richtung Kinderzimmer abschwirre - begeistert gefolgt von der Kleinen, die mit ausgestreckten Ärmchen nach der Milch gestikuliert.

    Und One down, Two to go. Im Wohnzimmer verschwinden Gurkenscheiben und Brotstückchen auf unerklärliche Weise, die Kinder kringeln sich vor Vergnügen, und beim Vorlesen erklärt die Große dann zufrieden:
    "Mir tut der Bauch weh - vom Fressen."

    Vorlesen ist dann ein echtes Problem. Die Mittlere ist hundemüde, heult und tobt wegen Winzigkeiten. Im Bett dann lege ich mich dazu - bei unserem Hochbett nicht gerade einfach. Verzweifelt kämpfe ich gegen den Schlaf - wieder und wieder nicke ich weg. Wer aber wach bleibt, ist..? Genau.

    Wir ziehen um ins große Schlafzimmer. Genörgel, Gemäkel, man arrangiert sich endlich - und auf einmal:
    "Wääääääääääääääääääääääääääää!"
    Die Kleine ist turnusmässig aufgewacht und will - was eigentlich? Frische Windel tuts nicht, Wasser aus dem Becher soll nicht - aha. Wasser aus der Flasche. Oder, mit anderen Worten: man will sich in den Schlaf zurücknuckeln, da ja die Schnuller gemeinerweise alle oben gekappt worden sind.
    Ich fürchte, da muß ich noch mal ein wenig Konsequenz aufbringen, aber nicht mehr heute. Aus dem Wohnzimmer tönen saugende, friedliche Geräusche (ja, dorthin wird sie bei lautem Geschrei ausquartiert, drei Reisebetten sei dank), und in der Mama reift ein ketzerischer Gedanke... kurz, jedenfalls? Ganz unauffällig? Nur mal schnell? Klaro, denke ich auch.

    Jetzt sitz ich hier beim Lichte des Monitors, der Mond steht gerade quietschorange am Himmel und meine Zeit "läuft ab".

    Ich wünsche auch euch eine gute Nacht und verfüge mich zurück in die Federn...

    Salat
     
  2. Stillmaus

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    AW: Manchmal erschauere ich vor mir selbst...

    Wirklich sehr schön geschrieben. :bravo:

    Ich wünsche dir auch eine gute Nacht.
    Zwar ein paar Tage später, aber mein Computer war kaputt.

    Liebe Grüße
     
  3. AW: Manchmal erschauere ich vor mir selbst...

    Hömma, genauer antworte ich Dir morgen........indem ich breit auswalze, wie ein Treck aus 4 giraffischen Sprösslingen, nebst Frau Langhals persönlich, einen Freibadausflug begehen.

    Aber bei Deiner Erzählerei fällt selbst MIR auf, was Du unlängst mal bemerktest, nämlich eine seltsame Ähnlichkeit, zwischen salatähnlich angemachten Buchstaben und fleckenartigen Löchern in seltsam Kopfhochtragenden Wesen *lol*

    Mojitoselige Grüße von Bine
     
  4. AW: Manchmal erschauere ich vor mir selbst...

    oh man, was für ein tag, aber ich glaube so erlebt ihn so mancher mit den lieben kinderlein.

    lass dich mal drücken, wenn auch spät.

    lg kristin
     

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