Der Baum

Dieses Thema im Forum "Gedichte & Gedanken" wurde erstellt von cabronsito, 6. Juli 2007.

  1. Der Baum

    (Eine wahre Geschichte mit geaenderten Namen)

    In einem kleinen mexikanischen Dorf kaufte José im Jahre 1957 einen kleinen Baum fuer seinen kleinen Garten hinter seinem kleinen Haus. José war ein armer, aber gluecklicher junger Mann mit einer jungen Frau und zwei Soehnen.
    Er goss den Baum, wenn es notwendig war, obwohl er nicht viel Wasser brauchte, denn er war dem Klima angepasst, in dem er gepflanzt wurde. Langsam aber beharrlich wuchs der kleine Baum; Mitten in José´s Garten.

    Im Jahre 1961 gebar ihm Maria, seine Frau, ein drittes Kind; ein Maedchen. Sie gaben ihm den Namen Victoria.
    Victoria hatte das Down Syndrom.

    José und Maria wussten nicht, was ihnen mit Victoria geschenkt worden war. Sie schaemten sich. Sie versteckten das Baby. Mit dem Gluecklichsein war es vorbei. Niemand weiss, ob sie Victoria lieb hatten, da sie niemand jemals etwas hat sagen hoeren oder tun sehen, was dafuer spraeche.

    Das ganze Dorf tuschelte hinter ihrem Ruecken. Denn das Dorf empfand es als einen Ungluecksbringer, dass ein Kind mit Down Syndrom in ihrer Mitte lebte. Es gab niemanden, der ihnen etwas anderes haette beibringen koennen. Man wurde abweisend gegenueber der kleinen Familie. José wurde in der cantina nicht mehr gern gesehen, solange, bis er nicht mehr hinging. Maria wurde von den Dorfweibern gemieden.
    Eines Tages fingen die Dorfkinder an, Steine auf sie zu werfen, wenn sie sie sahen.

    Waehrenddessen wuchs und gedieh der Baum praechtig. Sein Stamm wurde kraeftiger und er ueberragte mittlerweile das kleine Haus.
    Auch Victoria wuchs und gedieh praechtig, nur wusste niemand davon. Denn weder das Dorfvolk noch José und Maria verstanden, was fuer Victoria praechtiges Wachstum und Gedeihen bedeuteten ... geschweige denn, wie sie es unterstuetzen koennten. Vielleicht legten sie in ihrem Gram auch gar keinen Wert darauf.

    So wuchs Victoria also heran. Sie kannte das Dorf nicht. Sie kannte nicht einmal das Nachbarhaus. Sie war nie vor die eigene Haustuer gekommen. Der kleine Garten war ihr kleines Paradies und der Baum ihr einziger Freund.
    Sie sprach nicht mit dem Baum, da ihr niemand beigebracht hatte, wie man spricht. Sie laechelte ihn nur stumm an und liess ihre Augen von ihren Traeumen erzaehlen.
    Ihre Traeume waren nicht sehr bilderreich, da ihre Phantasie keine Grundlagen kennengelernt hatte, um sich eigenstaendig weiterzuentwickeln.
    Sie konnte sich das Meer nicht vorstellen.
    Sie konnte sich den Vulkan nicht vorstellen.
    Sie konnte sich die Wueste nicht vorstellen.
    Sie konnte sich den Dschungel nicht vorstellen.

    Sie konnte sich kein Pferd vorstellen.
    Sie wusste nicht, was eine Katze war.
    Sie haette keine Ahnung, wozu ein Auto gut sein wuerde, wenn sie eines gesehen haette.

    Niemand hatte sich je die Muehe gemacht, ihr eines dieser Dinge zu zeigen, zu malen oder zu erklaeren.
    So war es nicht verwunderlich, dass sie spaeter, als sie richtig gut malen lernte, immer nur zwei Motive benutzte. Ihren Freund, den Baum; und das kleine Fenster des kleinen Hauses, dass zum Garten hinausging.

    Mit 8 Jahren war Victoria in der Lage, Tueren mit einem Schluessel zu oeffnen. Und sie hatte ohne jegliche Unterstuetzung Laufen gelernt.
    Und noch nicht einmal in ihrem ganzen Leben einen Fuss vor die eigene Haustuer gesetzt.

    José und Maria kamen in eine unangenehme Situation. Denn auch Maria war nicht immer im Hause, um darauf aufzupassen, dass Victoria nicht die Tuer zur Welt durchschritt.
    Sie wussten natuerlich, dass der Baum Victorias bester Freund war. Also wollten sie ihr etwas Gutes tun.

    Da Victoria sowieso die meiste Zeit mit dem Baum verbrachte, kauften sie kurzerhand ein kraeftiges Seil und banden Victoria damit an ihren Freund. So verbrachte sie ihre Tage dort auf einem Stuhl sitzend und malend. Den Baum oder das Fenster.
    Ab und zu brachte Maria ihr etwas zu essen und liess sie wieder allein.
    Nachts wurde sie in ihr Zimmer eingeschlossen, morgens wieder an den Baum gebunden. Nur, wenn sie zur Toilette musste, band Maria sie fuer einen Moment los.
    Soweit bekannt ist, lernte Victoria nie, sich loszumachen und versuchte es auch gar nicht.

    Fast waere Victoria eine junge Frau geworden.
    Im Winter 1976 kamen José und Maria nicht wie geplant von einer Feier im Nachbarort zurueck, sondern uebernachteten dort. Victoria verbrachte die eiskalte Nacht an den Baum gebunden. An der darauffolgenden Lungenentzuendung starb sie kurze Zeit spaeter.

    Der Baum ueberlebte denselben Winter auch nicht. Im kommenden Fruehjahr entfernte José ihn und bewahrte die Reste als Feuerholz.

    Victoria wurde in Marias Heimatdorf begraben, da man ihren Koerper auf dem Friedhof ihres eigenen Dorfes, welches sie nie gesehen geschweige denn kennengelernt hatte, nicht haben wollte.

    José und Maria wurden nie wieder in die Dorfgemeinschaft aufgenommen und starben, bevor sie 45 Jahre alt wurden.

    Victorias zwei Brueder verliessen das Dorf und leben heute illegal in den Vereinigten Staaten von Amerika.

    Das kleine Haus mit dem kleinen Garten und der leichten Unebenheit, wo einst der Baum stand, liessen sie einfach im Stich, da niemand es kaufen wollte. Heute ist es eine Ruine.

    Die Dorfgemeinschaft ist in diesen Tagen etwas aufgeklaerter und erinnert sich nur ungern und beschaemt an den Fall Victoria.

    Von den Bildern, die Victoria gemalt hat, existiert kein einziges mehr. Sie wurden alle verbrannt.
    ______________

    Anmerkung: Diese bemerkenswerte und unglaublich traurige Geschichte hat mir am vergangenen Wochenende ein alter Mann erzaehlt, den ich kenne. Er erzaehlte sie mir, nachdem ich ihm gesagt hatte, dass Maximilian mit dem Down Syndrom zur Welt kam.
    Er war ein entfernter Verwandter José´s.
    Ich vergass, ihn zu fragen, was fuer ein Baum Victorias Freund war.
    Ich bat den alten Mann nicht, mir die Ruine zu zeigen.
    Ich brachte es nicht ueber mich.
    Er beendete die Geschichte in Traenen aufgeloest ob der Ruehrung und der Scham.
    Ich beendete das Zuhoeren in einem aehnlichen Zustand.
    Sind schon ein paar harte Kerle, wir cabrónes, was?
     
  2. Kati

    Kati Dauerschnullerer

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    AW: Der Baum

    Jetzt hab ich ne schreckliche Gänsehaut und irgendwie macht die Geschichte mir Wut im Bauch.
     

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