Das Mutti

Dieses Thema im Forum "Scherzkekse" wurde erstellt von Isabella, 6. Oktober 2004.

  1. Isabella

    Isabella Schneller Klickfinger

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    Das Mutti

    Meine geheimnisvolle Verwandlung vollzog sich an einem ganz normalen
    Montag,
    nachmittags 17.46 Uhr MEZ, von einer Minute auf die andere. Aus der Spezies
    "Frau" (Weiblich, besondere Kennzeichen: leichtsinnig, fröhlich bis albern,
    sinnlich, kapriziös, attraktiv, witzig, mit einem Hang zum Luxus und zum
    schönen Phlegma) wurde die Gattung "das Mutti" (besondere Kennzeichen:
    bieder, belastbar, besorgt, ernsthaft, genügsam, nervös, 24 Stunden voll im
    Einsatz).
    Das Mutti ist streng geschlechtsneutral und kommt überall auf der Welt vor:
    Gehäuft auf Kinderspielplätzen. Zu erkennen ist das Mutti an seiner
    bellenden
    oder schrillen Tonlage: "Stefan, sofort runter da, sonst setzt es etwas!!",
    und an einem rastlosen Betätigungsdrang (bevorzugte Tätigkeiten: stricken,
    Rotz abwischen, Backe-backe-Kuchen-machen, Mützen ab- und aufsetzen,
    Apfelsinen schälen, Fläschchen schütteln, Küßchen oder Knüffe verteilen).

    Sitzt das Mutti wider Erwarten mal ganz ruhig da, ist zumindest ein Fuß in
    Bewegung: er schaukelt den Kinderwagen. Das Mutti tritt selten allein auf,
    sondern ist meist rudelweise von seinen Jungen umgeben. Sind diese noch
    klein, trägt das Mutti sie in einer textilen Ausbuchtung vor dem Bauch oder
    Rücken (ähnlich dem australischen Känguruh, jedoch bewegt sich das Mutti
    nur
    selten hüpfend vorwärts). Wenn die Jungen größer sind und aufrecht gehen
    können, übt es geduldig die Tätigkeit des "Spazierenstehens" aus. Während
    das
    Mutti-Junge sich im Matsch suhlt, jedes Steinchen auf seine Verwendbarkeit
    untersucht, Grashalme frißt oder tiefsinnig sein Spiegelbild in Pfützen
    betrachtet, bleibt das Mutti einfach stehen. So verbringt es einen Großteil
    seiner Zeit, in Kälte und Nässe ausharrend, stumm, schicksalsergeben.

    Mutti ist Frau nicht von Geburt an, zum Mutti wird sie gemacht. Viele
    Frauen
    bezeichnen diesen Hergang als äußerst lustvoll, wahrscheinlich gibt es
    deshalb noch einige von ihnen. Manche machen sich nicht klar, was die
    Mutti-Metamorphose bedeutet. Auf jeden Fall ist es ein irreversibler
    Prozeß:
    einmal Mutti - immer Mutti. Was sich auch darin ausdrückt, daß manche
    "Vatis"
    (männlich, besondere Kennzeichen: oft aushäusig, meist paschamäßig auf
    Draht
    und windelmäßig unerfahren, auch - oder gerade - nach der Geburt der Jungen
    unentwegt um die begehrenswertere Spezies "Frau" herumbalzend) es fortan
    neutral "Mutti" zu nennen.

    Für die Aufzucht (siehe auch "Sozialisation") sind stets wir Muttis allein
    zuständig - eine Aufgabe, in der wir für den Rest unseres Lebens aufzugehen
    haben. Durchdrungen von der existentiellen Wichtigkeit des
    Brutpflegetriebs,
    werden die Muttis offensichtlich jahrelang zu Höchstleistungen angetrieben.
    Einem Mutti - und darin erweist sich die ausgesprochene
    Widerstandsfähigkeit
    dieser äußerlich schutzbedürftigen, innerlich aber erstaunlich zähen
    Gattung
    - macht es nichts aus, drei bis viermal pro Nacht das warme Nest zu
    verlassen, um die brüllenden Jungen mit Nahrung zu versorgen. Ein Mutti
    ödet
    es nicht an, täglich den immergleichen Brei zu bereiten und den
    immergleichen
    Spielplatz mit den immergleichen Mit-Muttis aufzusuchen und dort die
    immergleichen Gespräche zu führen. Wer sich als Artfremder mit uns Muttis
    unterhalten will, fühlt sich binnen kurzem außen vor. Haben wir Muttis doch
    eine Art von Geheimcode entwickelt, mit dem wir uns mühelos untereinander
    verständigen: Da wimmelt es plötzlich von Worten wie Strapelpeterfixies,
    Paidi, Peaudoux oder Osh-Kosh, es gibt Duplos, den Sauggli, den
    Schniedelwutz
    oder den Pipi-Mann, die Tut-tut-Bahn, das Tatü-Tata und das Hoppe-Hoppe; da
    schwirren so exotische Begriffe durch die Luft wie "Agrar-Test", "Phimose",
    "Ur-Vertrauen", "rechtsdrehender Joghurt" oder "Drei-Monats-Koliken"......
    Kurz: Besonders Jung-Muttis, die sich in ihrem Dasein als Frau profiliert
    haben, indem sie ihr Abi mit "Eins" und ihr Examen mit "cum laude" gemacht
    haben, machen in der Regel eine seltsame intellektuelle Regression durch.
    Wie
    alle Muttis dieser Welt verfallen sie in eine Art frühkindlicher
    Stammel-Sprache, deren Hauptbestandteil das Diminutiv ist ("Will Dodolein
    jetzt Heia-Heia machen? Aber erst kriegt Dodolein noch ein Küssilein....").
    Die Mutti-Metamorphose ist in allen Bereichen des täglichen Lebens spürbar.
    Statt "Die Liebe in den Zeiten der Cholea" Liest das Mutti jetzt "Die
    Häschenschule", statt raffinieretem "Kaninchen in Senf-Sauce" bereitet es
    gesunden salzlosen Blumenkohl, statt zu "Cabaret" geht es ins Kindertheater
    zu "Peterchens Mondfahrt" und beim Shopping suchen wir nicht nach getupften
    Ballon-Rock für uns, sondern nach einer strapazierfähigen Latzhose für das
    Jüngste, genügsam wie wir nun mal sind.

    Am verblüffendsten aber ist die optische Verwandlung des Muttis. Knallenge
    Calvin-Klein-Jeans, spitzenbesetzte BH´s unter schimmernden Seidenblusen,
    verführerische Stöckel oder ausgeflippte 50er-Jahre-Klamotten - alles
    passe.
    Das Mutti, ewig mit Brei bekleckert und ewig in Zeitnot, hat sein
    farbenfrohes Kleid abgelegt, mit dem es einst Vati zur Balz aufforderte.
    Bequeme Jeans, Turnschuhe, ein weites Sweatshirt - so etwa sieht der
    Einheitslook des mitteleuropäischen Mutti-Tiers aus. Verhaltensforscher
    sprechen inzwischen schon von einem deutlich ausgepägten "Mimikry-Effekt":
    je
    grauer und eintöniger der Alltag des Mutti zwischen
    Küche-Kacke-Kindergarten
    ist, desto grauer und einfallsloser kleidet sie sich.

    Und Vati? Vati, der all das gewollt und verursacht hat? Vati schmollt. Er
    fühlt sich, zumindest im ersten Jahr, um all das betrogen, was ihm bis
    dahin
    lieb und teuer war, seine ungestörte Nachtruhe. Sein geregeltes
    Sexualleben.
    Seine spontanen, ausgedehnten Kneipen-Touren. Seine saubere, untadelig
    aufgeräumte Wohnung. Seine stets perfekt angezogene Vorzeige-Frau. Seine
    Vorrangstellung im Herzen derselben.
    Statt dessen sitzt er da mit diesem völlig fremden Wesen, dem Mutti, und
    leidet unter dem sogenannten "Baby-Speck" - Symptome: nächtliche
    Schweißausbrüche bei der ersten lautstarken Unmutsäußerung des Babys, ein
    heftiges, langanhaltendes Gefühl der Unzugänglichkeit dem Mutti gegenüber
    ("Was zum Teufel ist "teiladaptierte Milch....?") und des
    Ausgeliefertseins,
    das oft klaustrophobische Züge annimmt ("Hier komm´ ich nie mehr raus, das
    geht jetzt zwanzig Jahre lang so weiter...."), nie gekannte seelische
    Wechselbäder von unbändigem Stolz bis zur ohnmächtigen Wut. Unter dieser
    Schockeinwirkung - also im Stadium der Unzurechnungsfähigkeit - erliegen
    manche Väter gern der nächstbesten Versuchung, deren Name "Weib" ist, und
    trennen sich von Mutti. Doch es nützt alles nichts. An einem x-beliebigen
    Mittwoch, um 13.34 Uhr, ist es mal wider soweit: ein zarter Schrei - und
    wieder ist ein Mutti geboren.

    (Autor unbekannt)
     
  2. Ignatia

    Ignatia die mit dem Efeu tanzt

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  3. KerstinM

    KerstinM Gehört zum Inventar

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