Im Rhythmus der Stille von Sarah Neef

Dieses Thema im Forum "Bücher Kiste" wurde erstellt von Rona Roya, 11. Mai 2009.

  1. Rona Roya

    Rona Roya Gehört zum Inventar

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    Hallo,

    diese Autobiographie einer außergewöhnlichen gehörlosen Frau ist wirklich sehr beeindruckend! Ich selbst bin ja auch gehörlos und habe noch nie ein Buch gelesen, worin so treffend beschrieben wird, wie man als Gehörlose lebt.

    All die beschriebenen Empfindungen kann ich 1:1 wiedergeben. Dieses Buch ist eine Muss- Lektüre für meine Familie und Freunde geworden :rolleyes: .

    :winke:
     
  2. AW: Im Rhythmus der Stille von Sarah Neef

    Hallo Rona Roya,

    danke, dass Du mir eine Frage beantwortest, die ich in Gehörlosen-Foren bisher vergeblich gestellt hatte. Nämlich, ob Gehörlose die Erfahrungen von Sarah Neef teilen, ob ihre Erlebnisse typisch sind.
    Ich meine, wenn man sein Hirn gelegentlich mit Denken beschäftigt und seine Augen aufmacht, dann kriegt man selbst genug von Borniertheit, geistiger Beschränktheit, Unwissen usw. mit - ob man nun selbst ein Handicap hat oder nicht.
    Ich muss Dir Recht geben: Sarah Neefs Autobiografie ist beeindruckend! Es kommt sehr authentisch rüber, was die Person Sarah Neefs anbelangt. Dass die Person und ihr Leben einzig sind, ist schon klar, dass Du aber bestätigst, dass ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit ihrer Umwelt typisch sind und sie mit ihrem Buch einen authentischen Einblick in die Welt der Gehörlosen gibt, zeigt mir dass der Eindruck beim Lesen nicht täuscht.

    Ich halte "Im Rhythmus der Stille" nicht nur für ein sehr beeindruckendes, sondern auch für ein sehr wichtiges Buch. Ich glaube verstanden zu haben, was Sarah Neef umtreibt und ich "kaufe" ihr das Engagement um mehr Verständinis und Akkzeptanz für Menschen mit Handicap zu werben nicht nur ab, ich unterstütze sie dabei mit meinen bescheidenen Mitteln nach Kräften: Meinen Freunden habe ich jeweils ein Exemplar geschenkt und Bekannte und Kollegen, die ich noch nicht ganz aufgegeben habe, was Aufgeschlossenheit und Neugierde anbelangt, weise ich eindringlich auf dieses Buch hin. So ganz langsam kommen auch die ersten Reaktionen zurück. Es ist jedes Mal eine Mischung aus barem Erstaunen, zu welchen Anstrengungen und Leistungen Menschen fähig sind und bodenloser Bestürzung über die Rücksichtlosigkeit, Gemeinheit oder auch nur Nachlässigkeit der breiten Masse gegenüber Menschen, die anders sind. Und einige von ihnen greifen sich sogar an die eigene Nase und sagen "Stimmt, ich habe mir da nie Gedanken gemacht, oder schaue weg und greife nicht ein, wenn ich sehe, wie Leute diskriminiert werden".

    Ich finde es toll, dass "Im Rhythmus der Stille" auch gerade hier, einer Seite, die sich dem familiären Umfeld widmet, Erwähnung findet. Ich kann Eltern nur empfehlen, dieses Buch nicht nur zu lesen, sondern auch ihren Kindern zum Lesen an die Hand zu geben, sobald sie alt genug sind, es zu verstehen. Eltern tun sicherlich nie falsch daran, ihre Kinder zu Aufgeschlossenheit und Neugierde Unbekanntem oder Ungewohntem gegenüber zu erziehen. Und Kinder sind sich wohl nicht darüber klar, was sie anrichten können, wenn sie andere Kinder diskriminieren. Dass es soweit kommen konnte, dass für eine Sarah Neef ihre gesamte Schulzeit ein einziges Martyrium war, wirft allerdings nicht nur ein schlechtes Licht auf die Schulkinder, sondern ganz besonders auch auf die Lehrer. Wenn man überlegt, wie sehr und nachhaltig der Mensch letztendlich in und durch die Schule geprägt wird, wäre es zu wünschen, dass nicht nur im Deutschunterricht Klassiker gelesen werden, sondern im Sozialkundeunterricht auch Bücher wie "Im Rhythmus der Stille".

    Gruß, Librum
     
  3. Rona Roya

    Rona Roya Gehört zum Inventar

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    AW: Im Rhythmus der Stille von Sarah Neef

    Hallo Librum,

    über Deine lange Antwort war ich sehr überrascht- und erfreut! Ich finde es toll, daß das Buch bei Dir viel bewirkt hat und Du es weiterempfiehlst!

    Wer bist Du, magst Du Dich ein bißchen vorstellen? Hattest Du vor der Lektüre dieses Buches schon Kontakt zu Gehörlosen?

    Daß Du in den Gehörlosenforen keine Antworten bekommen hast, wundert mich nicht. Wie Sarah Neef schon schrieb, benutzen die meisten Gehörlosen die Gebärdensprache und verstehen die geschriebene Sprache nicht so gut oder auch gar nicht- und von daher werden sie wohl kaum dieses Buch lesen. Ich selbst bin im Alter von 13 Jahren spätertaubt und habe noch ein wenig Restgehör, mit Hörgerät kann ich ein wenig hören (etwa 5%, und dann auch nur Töne im Hochtonbereich). Ich bin auch eine "Oralistin"- und das ist ja unter den Gehörlosen eine verschwindend geringe Minderheit.
    Musik erfühlen wie Sarah Neef kann ich nicht, dafür "höre" ich doch wieder zu gut um die feinsten Schwingungen wahrnehmen zu können.

    Sarah Neef hat vieles genau auf den Punkt gebracht, wie es ist, als Gehörlose zu leben. Ich habe mich in sovielen Sätzen wieder erkannt und es war schön und teilweise auch befreiend, zu lesen, daß es Sarah Neef genauso ergeht wie mir.

    Einzig in dem Punkt, daß Gehörlose eine hörende Schule besuchen sollen, widerspreche ich der Autorin. Sie selbst ist eine außergewöhnlich begabte und hochintelligente Schülerin gewesen- andere, "normalbegabte" Gehörlose würden eine hörende Schule nur mit extrem vielen Nachhilfestunden und/oder mit Ach und Krach bestehen. Auch unter Hörenden gibt es nicht viele, die recht leicht über 5 Sprachen lernen können.
    Allerdings hat Sarah Neef wiederum Recht damit, daß Gehörlose nur auf hörenden Schulen lernen, mit Hörenden umzugehen. Als ich nach dem Abitur auf der Schwerhörigen Schule auf die "hörende Welt" losgelassen wurde, stürtze ich erstmal total ab und habe ähnliche drei Jahre Ausbildungszeit erlebt wie Sarah Neef ihre Schulzeit. Das waren die schlimmsten drei Jahre meines Lebens- und ich muß ehrlich sagen, ich war kurze Zeit suizidgefährdet. So eine Schulzeit im jüngeren Alter hätte ich ich nicht ausgehalten- ich bewundere Sarah Neef dafür, daß sie so stark war und es durchgestanden hat! Ob andere auch so stark wären...?

    Ich könnte seitenweise weiter drüber schreiben :hahaha: ... ist ja MEIN Thema.

    LG
     
  4. AW: Im Rhythmus der Stille von Sarah Neef

    Hallo Rona Roya,

    ich bin mit einer lautsprachlich kommunizierenden Gehörlosen eng befreundet. Dass sie gehörlos ist, spielt dabei für mich nur insoweit eine Rolle, dass ihre von Geburt an vorhandene Gehörlosigkeit und die sich daraus ergebende Lebensgeschichte ihre Persönlichkeit maßgeblich geprägt haben. Und es ist eben diese Persönlichkeit, die mich an ihr anzieht.
    Wäre sie nicht lautsprachlich erzogen worden, bin ich mir sicher, dass ihre Persönlichkeit heute völlig anders wäre (ANDERS, nicht "SCHLECHTER"!) und dass wir dann heute nicht in diesem Maße miteinander befreundet wären. Erschwerend hinzu käme der Umstand, dass Gehörlose, die von Anfang an ausschließlich die Gebärdensprache verwenden, eine ganz andere Grammatik verwenden, so dass selbst die schriftliche Kommunikationmöglichkeit nicht so ohne Weiteres gegeben wäre.
    Ich möchte mich hier ausdrücklich NICHT in den "Kulturenstreit" zwischen Gebärdenden und Oralisten einmischen. Keine dieser Kulturen hat mehr oder weniger Daseinsberechtigung als die andere!
    Aber um das Bild vom Berg und Propheten zu bemühen, ist es wohl angeraten, dass ich mich als Angehöriger einer Minderheit auf die Mehrheit zubewege, wenn ich von ihr akzeptiert werden will. Wenn ich z.B. beschließe in Frankreich zu leben, darf ich nicht erwarten, dass alle Franzosen um mich rum Deutsch lernen. Da werde wohl schon ich Französisch lernen müssen, um mit den Franzosen kommunizieren zu können. Dementsprechend wird sich der Gehörlose wohl schon eher die lautsprachliche Kommunikation aneignen müssen, um mit den Hörenden uneingeschränkt zu kommunizieren. Er darf wohl eher nicht erwarten, dass die Hörenden die Gebärdensprache erlernen. Auch wenn ich zu meiner Überraschung erfahren habe, dass sich die Gebärdensprache "großer" Beliebtheit erfreut und größenordnungsmäßig 10mal so viele Menschen in Deutschland die/eine Gebärdensprache beherrschen, als es Gehörlose gibt. Und ich finde das toll! Aber dennoch ist dies immer noch ein verschwindend geringer Anteil an der lautsprachlich kommunizierenden Bevölkerung. Darum kann ich einer Sarah Neef eigentlich nur in die Hände reden und ihrer Forderung Nachdruck verleihen, dass Gehörlosen die lautsprachliche Erziehung ermöglicht werden muss (und "ermöglicht" heißt nicht "erzwungen"!). Und da die lautsprachlicher Erziehung unbestrittenerweise deutlich aufwändiger ist, als das Erlernen der Gebärdensprache, ist da auch durchaus der Staat in die Pflicht zu nehmen. Da gerade bei gehörlosen Kleinkinder der frühestmögliche Beginn der lautsprachlichen Erziehung für einen größtmögliche Erfolg unabdingbar ist, darf eine lautsprachliche Erziehung nicht an der wirtschaftlichen Situation der Familie scheitern. Da muss notfalls der Staat einspringen. Es ist auch überhaupt nicht einzusehen, dass z.B. Gehörlose kein Anrecht auf optimale Unterstützung haben sollen, während beispielweise bei Gehbehinderten in dieser Hinsicht kein Hahn mehr nach Unterstützung - und vor allem dem Verständnis dafür - krähen muss.
    Deshalb muss ich Dir auch ein bisschen "ins Gewissen reden", was Deine Ansicht zur Schule anbelangt. Ich gebe Dir völlig recht, dass lautsprachlich kommunizierende Gehörlose nicht in normale Schulen gezwungen werden dürfen. Aber ich vertrete vehement die Meinung, dass ihnen der Besuch einer normalen Schule ermöglicht werden muss, wenn dies gewünscht wird. Man muss dabei das Kind sicherlich sehr feinfühlig beobachten, ob es möglicherweise nicht hoffnungslos überfordert ist. Aber per se kann ich nicht zustimmen, dass man beispielsweise auf die besonderen Umstände eines Kindes mit Migrationshintergrund in der Schule eingeht, indem man ihm beispielsweise individuelle sprachliche Förderung angedeihen lässt, es aber kategorisch ablehnt auf die Bedürfnisse eines gehörlosen Kindes einzugehen. Wie man am Beispiel Sarah Neefs sieht, kann es sehr wohl funktionieren. Und der Schulbetrieb wurde durch sie keineswegs in unduldbarer Weise gestört. Vor allem kann es nicht sein, dass eine vielleicht anfänglich bei der Einschulung noch verständliche Skepsis in übelste Diskriminierung ausartet und bis hin zum Abitur aufrecht erhalten wird. Das ist durch nichts zu rechtfertigen! Du sagst es ja selber: das kann zu Selbstmordgedanken führen und auch Sarah Neef beschreibt eine Situation, in der Sie ernsthaft darüber nachdachte sich lieber selbst zu verstümmeln, als sich ihrem Martyrium in der Schule zu stellen.
    Sicherlich darf man jetzt nicht in den Fehler verfallen, das Beispiel Sarah Neef als DEN Prototypen für lautsprachlich kommunizierende Gehörlose hinzustellen. Sie ist zweifellos ein besonderer Fall. Aber sie beweist: Es kann funktionieren. Und deshalb wäre es genau so falsch, sie als einmaligen, niemals wiederkehrenden Ausnahmefall abzutun. Damit täte man all jenen Gehörlosen unrecht, in denen genau soviel Potential und Leistungsvermögen steckt und die letztendlich nur an den Vorurteilen der Gesellschaft scheitern. Auch Sarah Neef betont immer wieder, dass sie Entgegenkommen von den Hörenden braucht, um in deren Welt bestehen zu können. Aber wenn man "Im Rhythmus der Stille" aufmerksam liest und ein Bisschen darüber nachdenkt, merkt man, wie wenig und lächerlich im Grunde das Entgegenkommen ist, das von uns Hörenden abverlangt wird. Deshalb kann ich nur für mehr Neugierde und Aufgeschlossenheit werben. Es tun sich ungeahnte Welten auf, wenn man seine Vorurteile über Bord wirft und Unbekanntes/Ungewohntes einfach mal auf sich zukommen lässt. Hand auf's Herz: Wer ist nicht erstaunt - im Positiven, wie im Negativen -, bei der Lektüre von Sarah Neefs Lebensgeschichte? Selbst Du... und Du bist ja "vom Fach" ;-)

    Gruß

    Librum
     

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