# fÜr betty! #

Dieses Thema im Forum "Gedichte & Gedanken" wurde erstellt von constanze, 23. Oktober 2008.

  1. Dieses kleine Märchen schrieb ich vor langer Zeit. Für die Kinder am Rande. Für die, die sich ihren Platz ersehnen, aber jene Steine, die Menschen ihnen in den Weg werfen, nicht zu Stufen formen können.
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    Der Mond hört dein Gebet!

    Der Begriff „Einsamkeit“ gehört nicht in das Leben eines jungen Mädchens. Junge Mädchen haben Freundinnen, gehen zum Sport oder toben sich beim Tanzen aus. Betty war anders. Sie war stiller als andere Kinder, sie war kleiner, und sie war alleiner als andere. Alleiner – so erklärte sie sich das, wenn sie sich einsam fühlte. Bettys Eltern hatten kaum Geld, der Vater verdiente nicht viel als Tagelöhner. Zu Besuch kam niemand, und so war die Familie stets sich selbst überlassen. Betty teilte sogar das Kinderzimmer mit ihren beiden Schwestern.

    Betty hatte unterschiedlich kleine Füße und ihr fehlte durch einen Unfall der kleine Finger an der rechten Hand. In der Schule wurde sie gemieden, eigentlich war sie durchsichtig, was schlimmer für sie war, als einige Hänseleien über sich ergehen zu lassen. Niemand sagte ihr, dass gerade das „Andere“ die Menschen ganz besonders machte. - Nein, immer war sie einfach nur „anders“. Und sie war einsam.

    Betty konnte stundenlang auf der Fensterbank in ihrem Zimmer sitzen, um einfach so in den Himmel zu starren. Sie malte sich aus, wie es sich dort oben wohl anfühlen würde. - In ihrer Vorstellung lag sie auf einer Wolke und schwebte von Kind zu Kind. Genauer – zu allen Kindern, die auch anders und alleiner waren. Manchmal gab Betty ihren Wolken sogar Namen. Wenn sie über ihrem Kopf vorüber zogen, winkte sie ihnen zu und freute sich auf ein baldiges Wiedersehen. Und sie kamen immer wieder.

    Bis der Sommer kam. Alle freuten sich auf diese Jahreszeit. Die Schwestern tobten im Hof, spielten Fangball und schienen überhaupt nicht einsam. Nur Betty war traurig. In jenem Sommer war der Himmel ausnahmslos wolkenlos. Ihre Freunde waren nicht wieder gekommen.
    An einem heißen Sommerabend fand Betty keinen Schlaf. Sie hatte sich hin- und hergewälzt, immer wieder musste sie an ihre Freunde, die Wolken, denken. Sie schlich sich aus dem Bett, während ihre großen Schwestern vor sich hin schnarchten. Und da sah sie ihn – zum ersten Mal betrachtete sie ihn ganz genau: den Mond! Wie schön er in ihr Fenster schien und alles hell erleuchtete. Er hing so tief, als hätte er sich im Baum des Nachbarn verfangen. Sie wusste nicht viel über den Mond, nur, was Papa ihr einmal erzählte: der Mond ist nach der Sonne das zweithellste Objekt am Himmel, und dass man sich ein Mondgrundstück kaufen kann. – Aber davon wollte Betty nichts hören. Ein Stück auf dem Mond sich kaufen können? Ein Stück Mond kann doch niemand gehören!
    Leise fing sie an zu beten:

    „Lieber Mond. Dein Licht ist so voller Kraft. Geht es dir da oben gut? Ob Menschen auf dir wohnen können? Meine Lehrerin hat gesagt, dass bei Vollmond unheimliche Dinge geschehen können. Bist du wirklich unheimlich? Ich glaube das nicht, denn du bist wunderschön. Vielleicht finden Menschen dich unheimlich, meinen aber in Wirklichkeit „geheimnisvoll“! Weißt du, Mond, ich wünsche mir eine Sache von ganzem Herzen: mach, dass ich so fröhlich werde wie die anderen Kinder. Ich bin immer traurig, und ich bin immer alleiner als andere. – Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?“

    Betty presste ihren kleinen Mund ganz dicht an die Scheibe und flüsterte: „Lieber Mond. Wenn Menschen sich etwas ganz doll wünschen, dann geht das doch in Erfüllung, oder? Ich habe gestern geflucht. Ich habe geflucht, obwohl man das nicht tun darf. Aber wenn die Kinder in meiner Klasse mich wie Luft behandeln, dann tut das weh! Ob mir etwas passiert, weil ich nicht nur traurig sondern nun auch fluchend bin? Ich möchte jemand lieb haben. Ich habe so viele schöne Geschichten über die Wolken zu erzählen. Und nun auch über dich. Nur wem? Ob gerade jetzt noch andere Kinder auf ihrer Fensterbank sitzen und dich anstarren?
    Ich wünsche mir, dass jeder Mensch den anderen als etwas Besonderes sieht. So wie einen Mond. Jeder Mensch hat doch – genau wie du – etwas Geheimnisvolles. Und er scheint, ganz hell von innen. Ich will nicht, dass mir was passiert, weil ich geflucht habe über andere Kinder. Kannst du machen, dass ich für sie keine Luft mehr bin? Ich könnte ihnen meine Wolkengeschichten erzählen! Ich würde auch gern darüber erzählen, wie man mit einem Mond spricht. Schau, du gehst nicht weg von mir. Du hängst noch immer ganz still hinter diesem Baum und scheinst mich an und hörst mir zu. Es sieht aus, als habest du ein Gesicht. Ob das die Mondgrundstücke sind? Machen die Menschen dir dadurch dein schönes Gesicht kaputt?“

    Betty musste gähnen. Sie hatte ihre kleinen Hände zum Gebet mit aller Kraft stark zusammen gepresst, dass das rote Abdrücke hinterlassen hatte. Betty winkte dem Mond noch einmal zu und schlich zurück in ihr Bett. Zufrieden schlief sie ein.
    Gleich am nächsten Morgen sprang Betty ans Fenster und schaute in den Himmel. Der Mond war weg – aber was war das? Da war eine kleine Wolke am Himmel! Ihre Freunde würden zurückkommen!
    An jenem Morgen hatte Betty ein komisches Grummeln in ihrem Bauch. In der dritten Stunde hatten sie Religionsunterricht. Die Lehrerin, Frollein Groth, schlug der Klasse drei Themen zur Diskussion vor: Himmelskörper, das Neue Testament oder berühmte Erfindungen. Das Abstimmverfahren war einfach. Jeder hatte eine Stimme. Betty wusste genau, wofür sie stimmen würde. Sie dachte an ihre Wolkenfreunde und den Mond. Ganz laut war ihr Schnippen, und ihr Flehen drang zu Frollein Groth nun durch. „Ja, Betty?“ Betty drehte sich noch einmal um, als sei nicht sie gemeint gewesen. "Betty!" Aber doch, nur sie war jetzt gemeint! „Frollein Groth, ich würde gern einmal von den Wolken und dem Mond erzählen, wenn ich darf!“ Die Klasse verfiel in kollektives Gelächter. Doch Betty war glücklich – denn jetzt würde sie gesehen, die Klasse würde auf sie reagieren.
    Und dann bekam Betty die Chance, der Klasse von ihren Geschichten zu erzählen. Von dem, was sie alles beobachtet hatte, von dem Gebet, das nun wirken sollte.

    Seit jenem Tag, dem Tag ihrer Geschichten, war nichts mehr so, wie es einst gewesen ist. Betty hatte die schönsten Worte über den Mond verloren, über die Wolken, über das, was geheimnisvoll erscheint. Und sie hatte den Mut gefunden, vor der Klasse zu sagen, dass sie alleiner ist als andere. Und sie hatte die Klasse verzaubert mit ihren Geschichten. Und sie konnte sagen, dass jeder, wirklich jeder Mensch, etwas ganz Besonderes ist! Und dass jeder etwas Geheimnisvolles in sich trägt. Ihr Geheimnis war das alleiner-sein. Aber das wusste nun jeder – und so würde sich das sicherlich bald ändern!
    Noch heute betet Betty zu ihrem Mond und winkt den Wolkenfreunden zu. Sie weiß, dass der Himmel alles sieht – und dass das Geheimnis des Mondes darin besteht, dass er große Wünsche wahr werden lässt!

    Eure Constanze, Autorin FRANNYS REISE
     

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