7-jähriger grenzt sich selbst aus

Dieses Thema im Forum "Das Leben mit Schulkindern" wurde erstellt von Kummerkind, 27. Mai 2009.

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  1. Hallo allerseits,

    ich mache mir große Sorgen um meinen 7-jährigen. Wir sind zwar bereits mit diesem Problem beim ASK (Albert-Schweitzer-Kinderdorf) in der Familienberatung aber ich würde mich freuen, auch von anderer Seite Tipps zu bekommen oder mich auszutauschen.

    Jeremy ist ein sogenanntes Mittelkind, er hat eine 4 1/2 jährige Schwester und einen 11-jährigen Bruder. Von Kleinauf hat er schon geschubst und geknufft, ohne ersichtlichen Grund. Warum und woher wissen wir bis heute nicht. Ich habe damals schon immer darauf hingewiesen, das er bitte nicht belächelt werden soll, denn mit zunehmenden Alter würde das bald niemand mehr so lustig finden. Ist ja meist so - bei den Kleinen ist es noch niedlich und die Großen gelten dann als Schläger. Nun ist er auch noch recht groß für sein Alter und sehr stämmig.

    Als er in den Kindergarten musste, wurde seine Schwester geboren, und er hat sich von Anfang an sehr schwer dort getan. Er fing ziemlich bald an, andere Kinder zu schubsen und zu hauen, ich hatte zahlreiche Beschwerden von anderen Eltern und Kindern. Schon damals war ich auf Wunsch der Erzieherinnen beim ASk zur Beratung. Dort wurde mir aber geraten, das Ganze nicht überzubewerten, die Schilderungen gäben keinen Anlaß zur Sorge, er wäre ein "normales" Kind. Wir sind dann in ein eigenes Haus umgezogen und er kam in einen neuen Kindergarten. Die Erzieherinnen dort wurden sowohl von mir als auch vom vorherigen Kindergarten vorgewarnt und haben sich wirklich viel Mühe mit ihm gegeben. Leider kamen zu den körperlichen Angriffen jetzt neue Probleme dazu.

    Es stellte sich heraus, das er gegenüber anderen Personen sehr verschlossen ist. Er hat von selten bis gar nicht im Spielkreis mitgemacht, war durch seine eigenbrötlerische und ruppige Art bei den anderen Kindern dementsprechend unbeliebt und hatte nur ganz wenig Freunde (wenn man das überhaupt so nennen kann), die während der 3 Stunden dort mit ihm gespielt haben.
    Es hieß dann, er hätte Probleme mit der Grobmotorik, wäre sonst aber ein wirkliches kluges Kind, er ist auch überall gut mitgekommen. Die Verschlossenheit hat sich aber bis in die Schulzeit übertragen. Er möchte nicht an die Tafel gehen, weil sich dann alle Augenpaare auf ihn richten und er fürchtet, ausgelacht zu werden. Er macht beim Sport nicht mit, wenn er mit den Erfordernissen nicht klarzukommen meint. Sein Selbstvertrauen ist gleich null und die Lehrer sagen, er blockt komplett, immer wieder. Es ist dann überhaupt kein Durchkommen mehr, er spricht dann nicht und verweigert sich vollkommen.

    Das ist in der Schule natürlich ein unmögliches Verhalten. Wenn ab der 3. Klasse die Noten kommen, sieht es schlecht für ihn aus, obwohl er im Unterricht sehr gut mitkommt. Seine Lehrerin sagte, das allein wäre für sein Verhaltensmuster schon ungewöhnlich, normalerweise sind Kinder mit mangelndem Selbstvertrauen nicht selten schlechte Schüler.

    Ich möchte ihm so gern helfen, aber er erzählt auch daheim kaum etwas, auch meinem Mann nicht. Bislang geht er noch gern in die Schule, auch wenn er dort oft gepiesackt wird. (Übrigens nie wegen seines Gewichtes). Wenn er sich dann wehrt, wird er verpetzt, das ist auch den Lehrern schon aufgefallen.

    Es heisst ja, Mittelkinder müssten sich nach oben und nach unten verteidigen, da ist wohl tatsächlich etwas dran ?! Sein großer Bruder kann natürlich immer schon alles besser und buttert ihn auch sehr gern unter, trotz Ermahnungen. Ob das so sein soll bei Geschwistern, weiss ich nicht.

    Wie kann ich ihm nur helfen, sein Selbstvertrauen aufzubauen ?
    :(
     
  2. lulu

    lulu Königin der Nacht
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    AW: 7-jähriger grenzt sich selbst aus

    Meine Kinder sind aehnlich alt wie Deine und wir haben auch Junge, Junge, Maedchen. Mein juengerer Sohn ist auch ein komischer Kauz, was seine Freundschaften betrifft. Eigentlich hat er nur einen richtigen, engen Freund, obwohl er schon beliebt ist und auch mit anderen Kindern toll spielt. Komischerweise entstehen da aber keine Freundschaften draus; es bleibt bei "Bekanntschaften". Wir ermutigen ihn Kinder einzuladen, aber oft mag er nicht, wenn es nicht um seinen engsten Freund geht. Ich schiebe das darauf, dass er eben sowohl nach oben als auch nach unten in der Geschwisterfolge Spielkameraden hat. Er spielt eben auch mit beiden Geschwistern. Zudem ist er nicht ganz so ein Energiebuendel wie seine beiden Geschwister und braucht nach dem langen Schultag vielleicht einfach auch mehr Zeit zum Rummuckern zuhause.
    Ich denke schon, dass es fuer die juengeren Brueder, die gleichzeitig Mittelkinder sind, schwer ist ihre eigene Rolle in der Familie zu definieren. Sie eifern sie den groesseren Bruedern nach, ohne jemals das Gefuehl zu haben wirklich heranzureichen. Aber irgendwie muessen sie ja auch anders sein. Hat Dein Grosser die Rolle des aktiven Musterschuelers? Dann bliebe fuer den kleinen ja die des stillen Leistungsverweigerers frei.

    Ich wuerde mir ganz bewusst Zeit fuer den Jungen nehmen und versuchen gemeinsam mit ihm Interessen zu entwicklen: gaertnern, kochen, Holzarbeiten... was auch immer Euch liegt. Vielleicht kann man ueber diese Aktivitaeten ja dann auch spaeter mal Freunde mit einbinden? Bezueglich der Schule habe ich keinen Rat. Ein Stueck weit muss die Schule verstehen, dass er schuechtern und still ist, und ein Stueck weit muss er aus seinem Schneckenhaus herauskommen. Treibt er Sport? Spielt er ein Instrument?

    Lulu :winke:
     
  3. AW: 7-jähriger grenzt sich selbst aus

    Danke für die Antwort, Lulu. Stimmt, eure Konstellation ist ja fast gleich :)
    Mein Tochter war gar nicht geplant, ich frage mich oft, ob Jeremy als "Nicht-Mittelkind" anders geworden wäre.

    Dein Sohn ist recht beliebt sagst Du, das kann ich von meinem leider nicht sagen. Ja, er geht Donnerstags zum Sport im Turnverein, da sind dann auch wieder die Kinder aus seiner Klasse dabei. Dort ist es in letzter Zeit etwas besser gelaufen, er macht laut seiner Aussage gern mit. Das ist aber leider auch nicht immer so, oft sitzt er nur da oder steht daneben, speziell wenn er sich wieder etwas nicht zutraut - wie z.B. Geräteturnen, das ist ihm ein Greuel.
    Die Leiterin hat mir erzählt, das er nur gern mitmacht, wenn er in der Gruppe untergeht, also quasi unbeobachtet ist. So hat sie vor einiger Zeit alle anderen beschäftigt und dann mit ihm gezielt geturnt und sie war begeistert, wie prima er eigentlich alles konnte. Ich denke, das seine Blockaden rein aus seinem Kopf heraus stammen, er ist sich selbst im Weg. Er kann aber nicht erwarten, dass sich immer jemand Zeit extra für ihn nimmt. Irgendwann MUSS er sich integrieren.

    Ich versuche oft, ihn zu einem Spielchen zu ermuntern, manchmal kommt er auch von allein und fragt, ob ich Zeit habe. Er sitzt aber auch viel allein an seinem Schreibtisch und spielt mit seinen Playmobil Rittern oder bastelt mit Lego. Dabei geht es aber immer um unsichtbare Gegner, man hört wie er Kampfgeräusche macht und alle naslang "fällt ein Gegner tot um". Er scheint in jeder Lebenslage einen Gegner zu haben, das ist mir schon oft aufgefallen. Gegen irgendjemand muss er sich immer verteidigen.
    Er ist auch extrem wechsellaunig. Von gerade noch supergut drauf kann er in nullkommanix total wütend sein. Wenn ihm etwas nicht passt, steht er einfach auf und "bestraft" mich dann, indem er sagt, er würde nie mehr mit mir spielen und "blöde Mama", und alle anderen wären auch blöd - meistens die "ganze Welt".
    Kürzlich drohte er mir auch, sich mit einem Messer umzubringen und auf meine Frage warum, antwortete er:"Dann habe ich wenigstens keine Probleme mehr".

    Dazu kommt jetzt auch noch, das er nicht mit auf Klassenfahrt gehen darf, weil seine Lehrer die Verantwortung über Nacht nicht übernehmen möchten. Ich könnte ihn jeden Tag hinbringen, müßte ihn abends aber wieder abholen... Sie sagen, er hört nicht und dann wäre noch das Problem, das keines der Kinder mit ihm in einem Zimmer schlafen möchte.

    Sein Bruder ist nicht wirklich ein Musterschüler, er kommt jetzt in die 7. Klasse Realschulzweig und hat so gar nicht vom Streberlein. Leider ist er ein echter Löwe und muss immer und überall der Boss sein. Da werden auch schon mal die Freunde angebrüllt und beleidigt. Unrecht hat er auch niemals, es sind immer die anderen Schuld.

    Ich hoffe, das mir beim ASK nachher ein guter Rat gegeben wird.
     
  4. lulu

    lulu Königin der Nacht
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    AW: 7-jähriger grenzt sich selbst aus

    Du, das klingt schon so als ob professionelle Beleuchtung der Situation nicht schlecht wäre. Ein Kinderpsychologe, damit er jemand außerhalb der Familie zum Reden hat, wäre vielleicht nicht schlecht. Mein Großer ist auch so ein Alpha-Tier wie Deiner. Das liegt vermutlich einfach an der Stelle in der Geschwisterfolge. Auf Urbia.de sind da manchmal ganz nette, kleine Artikel zu. Schau, hier zum Beispiel: http://www.urbia.de/topics/article/?id=9155
    Bei Jeremy klingt die Problematik schon ernst. Obwohl ich meinen Mittleren in manchen Schilderungen von Dir wieder erkenne (gelegentlich explosiv zB), nimmt es doch nicht solche Formen an, dass er gruppen-inkompatibel wäre. Er spielt in den Pausen in der Schule mit einer Gruppe Gleichaltriger Fußball, er hat seinen Busenfreund, mit dem er ein, zwei mal pro Woche spielt, wenn wir ihm ein anderes Kind vorsetzen oder auf Family-Events sind, findet er auch Anschluss und verschwindet mit der Kinderschar, er spielt Fußball, man kann ihn zu Sommeraktivitäten anmelden etc.

    Lulu
     

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